Chor

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Gedanken für den Tag

Hören - die vergessene Kunst

Gedanken über den Chor und das Leben von Roland Streiner, Komponist, Dirigent und Rektor der Gustav Mahler Privatuniversität für Musik

Wer im Chor singt, merkt schnell: Der erste Einsatz beginnt im Ohr und im Blick zum Chorleiter. Bevor ein Ton entsteht, höre ich sozusagen auf den Dirigenten, auf die Nachbarstimmen, auf den Klang im Raum. Wenn ich nur mich selbst im Ohr habe, wird der Chorsatz brüchig. Chorisches Singen ist deshalb zuallererst ein Akt des Hörens: Ich nehme die anderen wahr und finde bewusst meinen Platz im Klang.

Im Alltag erlebe ich oft das Gegenteil. In Diskussionen, Sitzungen oder Kommentarspalten scheint es wichtiger zu sein, schnell zu reagieren, als wirklich zuzuhören. Viele Menschen haben den Eindruck, sie müssten immer lauter werden, um durchzudringen und nicht überhört zu werden. Aber ich finde, eine Gesellschaft, in der Menschen so miteinander sprechen, verliert die Fähigkeit zum Miteinander. Ein Chor zeigt im Kleinen, wie heilsam es ist, wenn Räume entstehen, in denen zuerst gehört und erst dann geantwortet wird. Auch die Bibel unterstreicht übrigens diese Haltung: "Jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden", heißt es da. Glaube wächst, so formuliert es der Apostel Paulus, aus dem Hören: aus der Bereitschaft, sich ansprechen und auch korrigieren zu lassen, statt immer nur die eigene Sicht in den Vordergrund zu stellen.

Das chorische Singen verlangt von mir, mich in diesem Hören zu üben: Das Hören auf den Atem der anderen, auf leiser oder lauter werdende Stimmen, auf neue Klangfarben, auf feine Verschiebungen. Manchmal entsteht gerade dann ein besonders dichter Moment, wenn niemand etwas durchsetzen will, sondern alle wach aufeinander achten. Vielleicht ist das die vergessene Kunst, die wir neu lernen müssen: einander so zuzuhören, dass ein Klang entsteht, in dem Menschen sich gesehen und gehört wissen.

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Sendereihe

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Playlist

Komponist/Komponistin: Justinus Mulle
Textdichter/Textdichterin, Textquelle: Gerhard Glawischnig
Bearbeiter/Bearbeiterin: Roland Streiner (Arr.)
Titel: Die Liab is a Traman
Album: Daham
Ausführende: StudioVokal Kärnten
Länge: 05:09 min
Label: StudioVokal Kärnten/Kärntner Landeskonservatorium

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