Punkt eins

Archäologie und Kunst auf dem Monte Iato

Alltag, Kulte, Feste vor 2500 Jahren und was daraus für die Gegenwart gelernt werden kann. Gäste: Univ.-Prof. Dr. Gerhard Forstenpointner, Archäozoologe, Institut für Morphologie an der Veterinärmedizinischen Universität Wien; Univ.-Prof. Dr. Erich Kistler, Institut für Archäologien an der Universität Innsbruck, Grabungsleiter Monte Iato, Nordwestsizilien; Gerlinde Thuma, Bildende Künstlerin. Moderation: Andreas Obrecht.

30 Kilometer südwestlich von der sizilianischen Hauptstadt Palermo ragt er mit 852 Metern majestätisch in die Höhe - der Monte Iato. Auf seinem Hochplateau, von dem aus weit über das Belice Tal geblickt werden kann, befanden sich schon vor mehr als 2500 Jahren ein Kultplatz und eine archaische Siedlung, die in den folgenden zwei Jahrtausenden viele kulturelle, soziale, ökonomische und ökologische Transformationen erleben sollte. Die Siedlung erstreckte sich auf dem flachen, nach Süden abfallenden, über 40 Hektar großen Plateau, das im Norden und Nordwesten durch steile Felswände begrenzt ist.

Um etwa 550 v. Chr. beginnen Kulturkontakte und Handelsbeziehungen zwischen den lokalen Bevölkerungsgruppen und den Griechen, die seit etwa 700 v. Chr. die Küsten Siziliens besiedeln. Der Austausch mit der großen mediterranen Welt verändert die Gesellschaft, die Wirtschaft und die kultischen Feierlichkeiten. Es gibt - auch hier - "Modernisierungsgewinner und -verlierer", ein Teil der Bevölkerung wird mächtiger, ein anderer büßt sozialen Status ein und beruft sich auf althergebrachte Traditionen. Griechische Importwaren - wie Trinkgefäße, Keramik, kunstvolle Töpfe etc. - korrespondieren mit der neuen monumentalen hellenistischen Architektur, die auch rituellen Belangen dient.

Alltags- und Festkultur verändern sich. Bei den Festen wird nun nach griechischer Sitte im Liegen gegessen und Wein getrunken - exquisites Bankettgeschirr unterstreicht den sozialen Status der Gastgeber. Nicht mehr althergebrachte Speisen wie Hirscheintopf und Getreidebrei stehen in der Menüfolge der Eliten, sondern Fisch, Seeigeln, Austern, Oliven, Feigen und edle Weine. Banketträume werden zur Repräsentation genutzt - exquisite Moden und kostbare Parfums dürfen nicht fehlen. Allmählich wird der griechische Einfluss durch den römischen verdrängt - rund um das Jahr 100 v. Chr. wandelt sich die Siedlung in eine römische Civitas. Das Hochplateau am Monte Iato blieb bis zum 13. Jahrhundert bewohnt.

Ein Forschungsteam der Universität Innsbruck unter der Leitung des Archäologen Erich Kistler unternimmt seit Jahren Grabungen am Monte Iato, untersucht und analysiert die Architektur und die vielen sprichwörtlich zu Tage tretenden Artefakte. Insbesondere die Epoche der großen kulturellen Transformation ab 550 v. Chr. ist genauestens dokumentiert. Archäologische Hinterlassenschaften sind für die Forschergruppe wertvolle Indizien, die Rückschlüsse auf soziale Rahmenbedingungen und Gruppenidentitäten, aber auch auf Werte, Handelsbeziehungen und vor allem auch Ernährungsgewohnheiten zulassen. "Die archäologischen Untersuchungen - ganz im Stil der kriminologischen Analysen von Tatorten - verbinden die Vergangenheit mit der Gegenwart, denn gesellschaftliche Transformation und Veränderung der Lebenswelten folgen damals wie heute ähnlichen Mustern", so der Grabungsleiter.

Gerhard Forstenpointner ist Archäozoologe und untersucht am Monte Iato die Ernährungsgewohnheiten und die Veränderungen des Konsumverhaltens - das Rind und der Hirsch verlieren als Nahrungsquelle mit der Hellenisierung der Essgewohnheiten an Bedeutung. Gerhard Forstenpointner hat schon vor Jahren die bildende Künstlerin Gerlinde Thuma - ehemalige Schülerin von Maria Lassnig - eingeladen, künstlerische Arbeit mit seinen Forschungen an Elefanten im südlichen Afrika zu verbinden. Auch am Monte Iato schuf die Künstlerin Werke, die im Wiener Künstlerhaus in einer eigenen Ausstellung zu sehen waren. Demnächst brechen die beiden zu Grabungen nach Ephesus auf, um einmal mehr Kunst und Wissenschaft, Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu verbinden.

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