Ö1 Hörspiel
"So ein Schatten ist der Mensch" von Friederike Mayröcker
Friederike Mayröcker zählt zu den bedeutendsten Stimmen der österreichischen Gegenwartsliteratur. Über Jahrzehnte hinweg hat sie die Grenzen zwischen Lyrik, Prosa und Hörspiel neu ausgelotet und eine unverwechselbare poetische Sprache geschaffen. "So ein Schatten ist der Mensch", entstanden Anfang der 1980er-Jahre, gehört zu ihren eindrucksvollsten Hörspielarbeiten.
22. August 2026, 14:00
Zu Beginn muss man schreiben: "So ein Schatten ist der Mensch" ist kein Hörspiel im herkömmlichen Sinn mit Handlung und Spannungskurve. Es ist vielmehr ein poetischer Klangraum aus Erinnerungen, Bildern und Gedanken. Ausgehend von Kindheitsszenen und biografischen Spuren entfaltet sich ein Geflecht aus Stimmen, Wahrnehmungen und Empfindungen, in dem das Verborgene und Verletzliche des menschlichen Daseins zur Sprache kommt.
Das Hörspiel beginnt mit Szenen aus der Kindheit und entwickelt sich behutsam zu einem Dialog zwischen Frau und Mann. Daraus entsteht ein dichtes Geflecht von Beobachtungen, Empfindungen und Erinnerungen, in dem das sonst Verschwiegene ebenso zur Sprache findet wie eine grundlegende menschliche Erfahrung: das Vergehen der Zeit. Viele biografische Spuren Mayröckers fließen in den Text ein. Da sind der Vater und die Großmutter, Erinnerungen an die Schulzeit, das erste Gedicht angesichts eines brennenden Fliederstrauchs oder die Erzählungen der Eltern von ihrer Geburt, die die Autorin mit eigenen Vorstellungen und Fantasien verknüpft. Dieses Spiel der Erinnerungen in Assoziationen wird nach den Jahreszeiten gegliedert: Kindheit, Liebe, Rückblick, Auflösung und Selbstauflösung entsprechen dabei Frühling, Sommer, Herbst und Winter.
Mit "So ein Schatten ist der Mensch" zeigt sich Friederike Mayröcker einmal mehr als Autorin, die das Hörspiel nicht nur als literarische Form begreift, sondern als eigenständige Kunst des Hörens. Im Zentrum steht dabei die Frage nach der Zerbrechlichkeit menschlicher Existenz, die Frage nach Vergänglichkeit, nach Nähe und nach der Flüchtigkeit des Lebens.
Mit Libgart Schwarz, Peter Fitz, Sonja Földes und Sabine Steiner, Tongestaltung: Erich Fiedler, Regie: Ellen Hammer (RIAS/ORF-W/NDR/WDR 1983)
Sendereihe
Gestaltung
- Elisabeth Weilenmann
