ORF/JOSEPH SCHIMMER
Blaue Stunde
Stimme und nichts als die Stimme
Aus dem Kunstradio-Archiv: "Literatur als Radiokunst" - Teil 2
"suchrufen, taub" von Anja Utler (2007)
"stillgelegt" von Richard Obermayr (2009)
24. August 2026, 21:00
Die Stimme, die Stimme und nichts als die Stimme als Experimentierraum für individuellen poetischen Eigen-Sinn war die Vorgabe der Ö1 Kunstradio Reihe "Literatur als Radiokunst". Im Zeitraum von 1999 bis 2014 entstanden 60 Radiostücke von Autorinnen und Autoren aus Deutschland, der Schweiz und Österreich mit Fokus auf dem sprachlichen und dramaturgischen Experiment. Marie Christin Spatzek und Hans Groiss haben Stücke aus der Reihe ausgewählt und den Literaturwissenschaftler und Kurator von "Literatur als Radiokunst" um einen aktuellen Kommentar gebeten. Weiters werden aktuelle Sound Art Releases des Labels Gruenrekorder vorgestellt.
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"suchrufen, taub" von Anja Utler (ausgezeichnet mit dem Karl-Szuka-Förderpreis 2008)
"Die für ihre fundamentale Materialpoesie ausgezeichnete Dichterin Anja Utler schwingt sprachlich den Radiowellen nach: in suchrufen, taub erkundet und wendet sie die blind aus den Lautsprechern dringenden Brechungen der Beschallung." (Chris Zintzen)
"Wellen, die zu vielen lecken können und zu niemandem: das ist blind sprechen, und taub. Die asymmetrische, richtungslose Form des Radiosprechens. Der Körper, an dem die Strömungen des eigenen Munds vielleicht aufbrechen, verbleibt im geschützten Raum des Ungesehenen und Ungehörten. Er gibt nicht direkt Laut, aber er treibt Laute hervor: am Widerstand gischtet das Wasser auf. Umfließend, lösen sich immer neu gemaserte Wörter aus einander - in welchem Suchlaut könnten die Konturen der fantasierten Hörerin, des fantasierten Hörers sich treffen? So brechen für die Sprecherin die tastenden, fragenden Wörter in sich selbst zurück; nicht in einem Widerstrom von außen werden sie gefangen, allein in der Zeit heben sie sich auf." (Anja Utler)
"stillgelegt" von Richard Obermayr
"Der sich skrupulös vorantastende Romancier Richard Obermayr, Jahrgang 1970, sucht den Raum zwischen den abgehalfterten Erzählwörtern, um dem Nicht-Mehr, dem Noch-Nicht und dem Vieldeutigen nachzuspüren. Was Buchdruck und öffentliche Lesung verwehren - Vielstimmigkeit einerseits und anderseits Stille - findet im radiophonen Experiment seinen Ort: "stillgelegt" als beklemmendes Tableau eines erstarrten Familienidylls, aus welchem nur die Flucht - per Sprache - möglich ist." (Chris Zintzen)
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1999 startete "Literatur als Radiokunst" auf Anregung der Künstlerin und Schriftstellerin Liesl Ujvary, ab 2001 wurde die Reihe vom Literaturwissenschaftler und Autor Chris Zintzen-Bader betreut. Das Ziel der Reihe war es, Autorinnen und Autoren an die autonome Produktion avancierter Klangwerke heranzuführen. Pro Jahr wurden vier Radiostücke im Studio des Wiener Funkhauses mit ORF Tonmeistern und Tonmeisterinnen produziert, ab 2005 in räumlichem Surround-Sound.
Service
Kunstradio: Literatur als Radiokunst
Chris Zintzen über Literatur als Radiokunst
"suchrufen, taub"
"stillgelegt"
Simon Whetham & Gregory Büttner bei Gruenrekorder
