Zeit-Ton extended
Die Kontrapunkte schwingen den Spazierstock
Gottfried Rabl dirigiert das Ensemble Kontrapunkte mit Musik zum flanierenden Beethoven
28. August 2026, 23:03
Er war ihm Stütze und Bewegungshilfe, ein Gebrauchsgegenstand und zugleich Statussymbol - und hin und wieder wird er ihn wohl auch erhoben und mit ihm gedroht haben: Ein Spazierstock aus dem Besitz Ludwig van Beethovens hat von Mitte April bis Anfang Mai 2026 im Wiener Musikverein einem Festival als Inspirationsobjekt gedient - eines jener faszinierenden Objekte aus der Musiksammlung des Hauses, die ja keineswegs nur Handschriften und Drucke für die Nachwelt erhält.
Von Beethovens Spazierstock hat sich Gottfried Rabl mit dem Ensemble Kontrapunkte jedenfalls zu einem Programm anregen lassen, das in flotter Gangart weite geografische und stilistische Gefilde durchschreitet, wobei beim Flanieren aber auch immer Zeit bleibt, anzuhalten und den Duft der Rosen zu genießen.
"By Footpath and Stile", der kammermusikalische Liederzyklus über Gedichte von Thomas Hardy, geschaffen vom Engländer Gerald Finzi, verweist auf die Zeit des Ersten Weltkriegs und auf persönliche Tragik. Bariton Thomas Weinhappel ist der Solist.
Die mexikanische Komponistin Tania Rubio führt Beethoven ins Wilde, Ungezügelte der Natur zurück, etwa mit Vogelgesängen, und lässt ihn dadurch gleichsam in die Luft gehen: "Ludwig en el aire".
Und in "weiter und weiter und weiter .", benannt nach einer Zeile aus einem seiner verschollenen Jugendgedichte, schichtet Georg Friedrich Haas ständige musikalische Beschleunigungen in zum Teil fünf Schichten übereinander - ein bitteres Echo aus seinen frühen Tagen, da er das schreckliche Gefühl hatte, er könnte den Naziverstrickungen seiner Familie niemals entgehen. Den Widerspruch zwischen ständigen Aufbruchsgesten und schier endloser Perpetuierung kann am Ende nur eine Geste à la Joseph Haydn beenden.
Im "Café Concertino" des Australiers Carl Vine lässt sich's bei alledem gut ausruhen: Mit einem großen Braunen vor sich, hört man verschiedene Quintenreihen vorbeiziehen, musikalisch bunt ausgestaltet.
Ein Mitschnitt aus dem Gläsernen Saal des Wiener Musikvereis vom 2. Mai 2026.
Sendereihe
Gestaltung
- Walter Weidringer
