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Gedanken für den Tag
Ivan Illich und die Plastikwörter
Petra Nagenkögel, Schriftstellerin, zum 100. Geburtstag von Ivan Illich
2. September 2026, 06:57
"Ich lebe", so sagt Ivan Illich in einem Gespräch, "in partieller Verweigerung, Verweigerung, bestimmte Dinge zu denken, zu sagen, bestimmte Worte, Begriffe zu benutzen."
Ivan Illich wächst zweisprachig auf, mit Kroatisch und Deutsch, im Lauf seines Lebens lernt er über zehn Sprachen. Jede, so stellt er fest, lasse ihn auf jeweils andere Art denken und die Wirklichkeit erfahren.
Oft geht Illich in seinen Analysen aus von der Beschäftigung mit der Herkunft eines Wortes oder dem Wandel von Sprechweisen, an dem gesellschaftliche Veränderung ablesbar wird. Für die mit der industriellen Produktion entstandene Konsumgesellschaft bemerkt er etwa eine zunehmende Substantivierung des Sprechens - eine Verschiebung hin vom Verb zum Substantiv, vom Tun zum Haben. Die Sprache Ivan Illichs in Büchern und Gesprächen ist präzise, er benennt, was benannt werden muss, vermeidet Phrasen, Schlagworte, Slogans - im Bewusstsein, wie sehr Sprache auch ein Instrument der Manipulation sein kann. Leerformeln wie Fortschritt, Wachstum oder Entwicklung misstraut er und nennt sie "Plastikwörter" - ungenau, allgemein und die Ideologien und Absichten verdeckend, die sich verbinden damit.
Als eines der "Plastikwörter" unserer Gegenwart empfinde ich das Wort "Krise". So gut wie täglich ist die Rede davon, in den Nachrichten, im politischen Diskurs: Umwelt-, Klima-, Energie- und Demokratiekrise, zur "Polykrise" zusammengefasst. Das Wort wird so inflationär gebraucht, als könnte allein seine Verwendung schon bannen, was es bezeichnen soll. Als könnte der Ausnahmezustand, den eine Krise bedeutet, aufgehoben werden durch den Begriff. Oder als wäre die Krise selbst das Subjekt und schuld an der Misere. Das Wort ersetzt das Sprechen über Ursachen, Zusammenhänge, Verantwortlichkeiten. Und die Gewöhnung daran lässt uns schließlich auch "die Krise" als Normalität erleben.
Service
Ivan Illich, "Fortschrittsmythen", deutsch von Thomas Lindquist, Rowohlt Verlag, Reinbek 1978
Ivan Illich, "Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik", deutsch von Thomas Lindquist, Rowohlt Verlag, Reinbek 1980
Ivan Illich, "Klarstellungen. Pamphlete und Polemiken", aus dem Englischen von Helmut Lindemann. Mit einer Einleitung von Erich Fromm. Verlag C.H. Beck, München 1996
Ivan Illich, "In den Flüssen nördlich der Zukunft. Letzte Gespräche über Religion und Gesellschaft mit David Cayley", aus dem Englischen von Sebastian Trapp, Verlag C.H.Beck, München 2006
Thierry Paquot, "Ivan Illich. Denker und Rebell", aus dem Französischen von Henriette Cejpek und Barbara Duden, Verlag C.H. Beck, München 2017
Martina Kaller-Dietrich, "Ivan Illich. Sein Leben, sein Denken", Bibliothek der Provinz, Weitra 2007
Gabriele Goettle, "Frühstückmit Ivan Illich", taz, 30.7.2001
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Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Miroslav Vitous/geb.1947
Album: ATMOS
Titel: Hippukrene/instr.
Solist/Solistin: Miroslav Vitous /Bass
Solist/Solistin: Jan Garbarek /Saxophon
Länge: 01:00 min
Label: ECM 1475 5133732
