Zwischenruf

Jüdische Feiertage

von Eric Frey, Journalist und Präsident der liberalen jüdischen Gemeinde Or Chadasch

In einer Woche am Abend beginnt Jom Kippur, der höchste Feiertag im Judentum, der auch Versöhnungstag genannt wird. Die Versöhnung, um die sich an diesem Tag so viele Gebete drehen, betrifft die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen. Aber es geht an diesem Tag vielen auch um die Versöhnung mit unseren Mitmenschen - ein Thema, das mir besonders am Herzen liegt. Wer immer Streit in der Familie, am Arbeitsplatz oder in einer anderen Gemeinschaft hat, dem gibt Jom Kippur die Gelegenheit, Wege zu suchen, um diesen beizulegen.

Ich kenne drei Wege, um sich mit Menschen zu versöhnen, mit denen man im Unfrieden ist: Man kann die Ursachen des Streits beseitigen, indem man alle Probleme löst. Das aber ist in den meisten Fällen ein unmögliches Unterfangen.
Man kann vergessen. Doch das heißt in Wahrheit, dass man verdrängt. Unbewältigte Konflikte dringen später doch wieder zutage, oft mit besonderer Wucht.

Oder man kann vergeben. Vergebung, Verzeihung, Nachsicht: Das ist aus meiner Sicht der einzig richtige Weg zur Versöhnung. Zwischen Gott und den Menschen geht Vergebung nur in eine Richtung, deshalb bitten wir darum zu Jom Kippur unzählige Mal. Der jüdische Gott in der Tora, den fünf Büchern Moses, ist manchmal unversöhnlich, an anderen Stellen hingegen barmherzig. Darauf hoffen wir zu Jom Kippur.

Bei Konflikten zwischen Menschen muss die Vergebung auf Gegenseitigkeit beruhen. Aber es bringt nicht viel, auf die Nachsicht des anderen zu warten. Wer Harmonie und Frieden sucht, muss selbst den ersten Schritt setzen, selbst wenn man sich im Recht sieht.

Vergebung ist oft schwierig, sie erfordert emotionale Kraft. Man muss dafür, wie es so heißt, über den eigenen Schatten springen, den Wunsch nach Vergeltung, ja auch nach Gerechtigkeit zurückdrängen. Vergebung wird manchmal als Zeichen der Schwäche gesehen, aber sie ist in Wahrheit ein Ausdruck von Stärke. Es steckt sogar ein Stück Hochmut drin: Wer anderen die Fehler und Schwächen nachsieht, fühlt sich ihnen ein wenig überlegen.

Ich habe in meinem Leben immer wieder Menschen verziehen, damit ich mich mit ihnen versöhnen kann. Wenn das nicht gelang, dann habe ich mich über mich selbst geärgert. Vergebung ist die Voraussetzung für jüdisches Leben in Österreich, Deutschland oder anderen Tatorten der Schoah. Ohne zu vergeben hätten meine Eltern, die den Holocaust nur knapp überlebt haben, hier nie eine Existenz aufbauen können.

Auch bei der Beschäftigung mit Konflikten zwischen Staaten und Völkern, sei es in der Geschichte oder in der Gegenwart, habe ich gelernt, dass der wichtigste Schritt zur Versöhnung in der Vergebung liegt - egal, wie viel einander angetan wurde. Das gilt besonders für den Konflikt zwischen Israelis und Palästinenser, wo auf beiden Seiten die Wunden der vergangenen Jahre besonders schmerzhaft brennen. So schwer es auch fällt: Damit dort je Frieden einzieht, müssen beide Völker sich bemühen, Taten vergeben, die schwer zu verzeihen sind.

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