APA-IMAGES/DPA PICTURE ALLIANCE/DMITRII MARCHENKO
Punkt eins
Verstehen Sie, was Sie lesen?
Sinnerfassendes Lesen - verschwindende Kulturtechnik? Gäste: Veronika Grubmann, Stiftung BildungTomorrow & Dr. Gerald Posselt, Institut für Philosophie der Universität Wien und ÖAW. Moderation: Philipp Blom. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at
15. September 2026, 13:00
Ungenaues Lesen nimmt zu. Die Lesekompetenz hat sich in Österreich weiter verschlechtert. Bei den am vergangenen Dienstag veröffentlichten Ergebnissen der PISA-Studie (Programme for International Student Assessment) zeigt sich eine drastisch negative Entwicklung vor allem bei Lesekompetenzen. Doch das betrifft keineswegs nur Schülerinnen und Schüler.
Laut den Daten der internationalen PIAAC-Studie der OECD und Statistik Austria gilt fast ein Drittel der Menschen in Österreich zwischen 16 und 65 Jahren als leseschwach. Das entspricht etwa 1,7 Millionen Menschen in Österreich, eine Zahl, die sich seit der letzten Erhebung 2011 fast verdoppelt hat.
Vor allem das sinnerfassende Lesen scheint als Kompetenz immer stärker ins Hintertreffen zu geraten. 28% der Schulabgänger:innen haben schon mit einfachen Texten erhebliche Schwierigkeiten und sind damit nahe daran funktionale Analphabet:innen zu sein, die kaum oder gar nicht durch die Welt der geschriebenen Sprache navigieren können. Untersuchungen zeigen, dass soziale Herkunft und Bildungsabschlüsse dabei immer wichtiger werden. Während Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, verständlicherweise weniger gut in Tests abschneiden, wird auch das Ausbildungsniveau immer entscheidender und schließt damit auch immer mehr Menschen nicht nur von großen Teilen der Berufswelt aus, sondern auch von Teilnahme an gesellschaftlichen Debatten, demokratischen Prozessen und Kultur.
Auch soziale Medien spielen dabei eine wichtige Rolle. Immer mehr Nachrichten und Unterhaltung werden in Form von kurzen, graphisch stark aufbereiteten und inhaltlich unterkomplexen Beiträgen vermittelt und ein wachsender Anteil von Jugendlichen aber auch Erwachsenen informiert sich hauptsächlich aus solchen und ähnlichen Quellen.
Ist dieses Fazit einfach ein kultureller Wandel weg von einer Lesekultur, wie sie im 20. Jahrhundert bestand, oder ist der Verlust der Kulturtechnik Lesen ein gesellschaftliches und demokratiepolitisches Problem?
Veronika Grubmann ist Generalsekretärin der Stiftung BildungTomorrow und beschäftigt sich mit der Zukunft des Lernens. Gerald Posselt arbeitet an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und ist Projektleiter des FWF-Projekts "Politiken der Wahrheit".
Gemeinsam mit Moderator Philipp Blom erkunden sie die Bedeutung und Wandlung des sinnerfassenden Lesens in Österreich und Europa und fragen danach, wie wichtig mündige und informierte Bürger:innen in einer Gesellschaft sind, die vor großen Herausforderungen steht.
Rufen Sie uns an und reden Sie mit, unter 0800 22 69 79 oder punkteins(at)orf.at
