Diagonal

Der Popstar unter den Heiligen. Zur Person Franz von Assisi

800 Jahre tot, der Armutsrevoluzzer und trotzdem der Heilige der Stunde: Franz von Assisi, der Mann, der den Vögeln predigte, den Papst blamierte und den Wolf zähmte, wurde schnell zum gesamteuropäischen Phänomen.
Anschl.: Diagonals Feiner Musiksalon

Aberwitzig schnell heilig gesprochen, wurde der ursprünglich reiche Tuchhändlersohn, der sich bald in die "Braut" Armut verliebte, zum massenhaft verehrten Helden - zum ersten Mal dargestellt auf Giotto di Bondones Fresken in der Basilika von Assisi, einem Art Riesen-Comic-Strip, später von allen großen Namen der Kunstgeschichte. An Giotto und seiner losen Abfolge von Szenen aus dem Leben des Franz orientiert sich auch Romeo Castellucci, der heuer in Salzburg mit seiner Inszenierung von Messiaens Oper "Saint Francois d' Assise" nach dem Menschen hinter der kitschigen Verklärung des Nationalheiligen der Italiener und Schutzpatron aller Tiere sucht. Keine lineare Hagiographie, stattdessen Szenen eines ungewöhnlichen Lebens. Eine neue Zeit kündigte sich an im 13. Jahrhundert: Franz erlebte die ersten Manifestationen des beginnenden Kapitalismus, der fortschreitenden Globalisierung, der Organisation der Arbeit in Stunden, angeregt von den Klöstern und angezeigt von den ersten öffentlichen mechanischen Uhren auf den Kirchtürmen. Teile der Kirche und der Nachwelt wollten Franz von Assisi gern zum "sanften Heiligen" verklären, ihn wegen seiner Menschen- und Tierliebe durch Zuckerguss entschärfen. Dabei reizt gerade seine Widerspenstigkeit und Radikalität im Verzicht auf alle irdischen Güter, ja sogar auf Bildung, Kunst und Künstler:innen bis heute.

Service

Diagonal-gefragt-Podcast abonnieren

Sendereihe

Gestaltung

  • Ines Mitterer