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Radiokolleg
Der Brenner (1)
Ein Nadelöhr am Limit
5. Oktober 2026, 09:05
In vier Folgen wird der Brenner zum Brennglas Europas: Was geschieht, wenn freier Warenverkehr, Klimaziele, regionale Lebensqualität und europäische Integration auf engstem Raum aufeinanderprallen? Der Brenner ist ein Schauplatz europäischer Gegenwart: zwischen überbordendem Verkehr, dem italienisch-österreichischen Transitstreit, gesundheitlichen Belastungen und dem Bau des größten unterirdischen Eisenbahntunnels der Welt - des Brennerbasistunnels (BBT). Ein Alpenübergang zwischen Österreich und Italien, der zeigt, wie ein historischer Grenzraum an seine eigenen Grenzen stößt.
Sirenen heulen. Holzratschen Trommeln und Trillerpfeifen übertönen das Stimmengewirr der Demonstrierenden. Rund 5.000 Menschen stehen am 30. Mai 2026 mitten auf der Brennerautobahn bei Matrei in Nordtirol - dort, wo normalerweise im Minutentakt Urlauber Lastwagen und Pendler mit mehr als 100 Stundenkilometern vorbeidonnern. Stundenlang geht nichts mehr. Ausgerechnet auf einer der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen Europas an der Grenze zwischen Österreich und Italien. Im Zentrum des Protests steht Karl Mühlsteiger, Bürgermeister von Gries am Brenner. Seine Botschaft ist unmissverständlich: Das Wipptal ist am Limit; jenes Tal, das über den Brenner führt und Nord- und Südtiroler miteinander verbindet. Von diesem außergewöhnlichen Tag aus erzählt die erste Folge dieses neuen Radiokollegs die Geschichte eines Alpenpasses, den bereits die Römer als Handelsroute zwischen Nord und Süd nutzten - und die Geschichte vom überbordenden Verkehr, der die Menschen entlang dieser Route heute an ihre Grenzen bringt.
Der Brenner gehört zu den ältesten Alpenübergängen Europas. Über Jahrhunderte brachte der Handel Wohlstand ins Wipptal. Entlang der Strecke entstanden Gasthäuser, Handwerksbetriebe und Kurorte wie Gossensaß. Noch heute erzählen prächtige Fassaden von dieser Zeit - auch wenn es hinter vielen still geworden ist. Zahlreiche Traditionshäuser stehen leer. Heute zwängt sich Europas Transit durch das Wipptal, das stellenweise kaum 150 Meter breit ist. Auf der Autobahn reiht sich Lastwagen an Lastwagen.
Der Handel hat die Dörfer verlassen, geblieben ist der Verkehr. Sobald sich auf der Autobahn ein Stau bildet, weicht die Blechlawine auf die Staatsstraße aus und fließt wieder mitten durch die Orte. Dabei sollte die Brennerautobahn genau das verhindern. Als sie in den 1970er-Jahren eröffnet wurde, verbanden viele mit ihr die Hoffnung, die Ortskerne dauerhaft vom Verkehr zu entlasten. Heute erleben die Gemeinden im Wipptal ein Déjà-vu: kilometerlange Kolonnen direkt vor der Haustür. Über den Alltag der Menschen, der von Europas wichtigster Transitachse bestimmt wird. Über einen historischen Alpenübergang, der einst Wohlstand brachte und heute zum Symbol eines europäischen Dilemmas geworden ist: der freie Warenverkehr als Grundsatz der Europäischen Union und dem Preis, den die Menschen des Wipptals dafür zahlen.
Gestaltung: Lisa Hintner
