Gedanken für den Tag
"Sowieso und überhaupt"
Heinz Janisch, Kinderbuchautor, zum 90. Geburtstag von Christine Nöstlinger
13. Oktober 2026, 06:57
"Man muss Kinder nicht mögen, aber man muss sie ernst nehmen." Kaum jemand hat so konsequent aus der Perspektive von Kindern auf die Welt der Erwachsenen geschaut wie Christine Nöstlinger. Am 13. Oktober 2026 wäre Christine Nöstlinger 90 Jahre alt geworden.
Nöstlingers Bücher waren nie bloß Kinderliteratur. Sie handelten von Scheidung und Tod, von Einsamkeit und Ungerechtigkeit, von Wut, Angst und Widerstand - und immer wieder davon, wie schwierig es sein kann, ein Kind zu sein in einer Welt, die von Erwachsenen bestimmt wird. Sie schrieb gegen Erziehungsrezepte und gegen die Vorstellung an, Kinder müssten vor allem brav, angepasst und dankbar sein. Christine Nöstlinger konnte laut und lustig, frech und widerspenstig sein. Sie nahm Kinder ernst, ohne sie zu idealisieren, und Erwachsene, ohne sie zu schonen. Ihre Figuren durften Fehler machen, sich wehren, traurig sein und eigene Wege suchen. Vielleicht liegt genau darin die anhaltende Modernität ihres Schreibens.
Zum 90. Geburtstag erinnern die "Gedanken für den Tag" an eine Autorin, die Generationen von Leserinnen und Lesern geprägt hat - und an eine Haltung, die über ihre Bücher hinausweist: Kindern eine Stimme zu geben bedeutet auch, die Welt mit ihren Augen zu betrachten. Und sich dabei zu fragen, wie viel Freiheit, wie viel Mut und wie viel Widerspruch eine Gesellschaft ihren Kindern eigentlich zugesteht.
Christine Nöstlinger wurde 1936 in Wien geboren und starb 2018. Mit ihrem umfangreichen Werk, darunter "Wir pfeifen auf den Gurkenkönig", "Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse" und "Maikäfer, flieg!" wurde sie zu einer der bedeutendsten deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchautorinnen. 1984 erhielt sie den Hans-Christian-Andersen-Preis, 2003 den Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis.
