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Betrifft: Geschichte
Vom Henker zum Chirurgen
Wie ein medizinischer Beruf entstand. Mit: Herwig Czech, Institut für Ethik, Sammlungen und Geschichte der Medizin der Medizinischen Universität Wien. Gestaltung: Andreas Wolf.
27. Oktober 2026, 15:55
Im Mittelalter und der frühen Neuzeit waren Henker nicht nur für die Vollstreckung von Todesurteilen zuständig - sie übernahmen teilweise auch Aufgaben, die heute dem medizinischen Bereich zugeordnet werden. Ein Grund dafür war, dass Henker durch ihre praktischen Erfahrungen mit dem menschlichen Körper über anatomische Kenntnisse verfügten - sie brauchten sie zur Durchführung von Folterungen, strafweisen Amputationen und Hinrichtungen. Zudem standen Scharfrichter aufgrund ihrer Tätigkeit am Rand der Gesellschaft oft im Ruf, übernatürliche Fähigkeiten zu besitzen; auch den aus den Körpern der Hingerichteten gewonnenen Substanzen sprach man heilende Kräfte zu.
Während Henker sozial geächtet waren, genossen Ärzte ein höheres gesellschaftliches Ansehen. Doch Tätigkeiten, die mit Blut, Verletzungen oder dem Tod verbunden waren, wurden von ihnen häufig abgelehnt. Neben Badern und Wundärzten übernahmen deshalb auch Henker das, wie es damals hieß, "unehrliche" Handwerk der Wundversorgung und einfachen Chirurgie.
Obwohl die Bevölkerung die praktischen Erfahrungen der chirurgischen Laien schätzte, blieben sie lange Zeit sozial ausgegrenzt. Erst mit der zunehmenden Professionalisierung der Medizin lösten sich die Ressentiments langsam auf. Ab dem 18. Jahrhundert erlangte die Chirurgie zunehmend den Charakter einer akademischen Disziplin auf Augenhöhe mit der (inneren) Medizin, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfolgte die Vereinigung beider Bereiche zur "gesamten Heilkunde", was in dem bis heute in Österreich verliehenenen Titel "Doctor medicinae universae" zum Ausdruck kommt.
