Du holde Kunst
Homer im Totenreich, mit offenen Augen
"In der Wüstenlandschaft der Mythologie" - Gedichte von Gérard Macé. Übersetzung: Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. Es liest Stefan Suske.
1. November 2026, 08:15
Gérard Macé schöpft in seinem Gedichtband "Homer im Totenreich, mit offenen Augen" tief aus der griechischen Mythologie, deren Gestalten und Motive er höchst eigenwillig miteinander sowie mit realen und fiktiven Figuren aus Philosophie und Literatur verknüpft. Grundiert ist das alles von einem zeitgenössischen Bewusstsein. Da wird die Unsterblichkeit des Namens Odysseus, des listigen "Niemand" jener seines phantomhaften Schöpfers Homer gegenübergestellt; am Rande des Ätnas trifft Empedokles, der Vorsokratiker mit dem erdichteten Ende, auf den mythischen Ikarus - ebenfalls ein Kundiger in Sachen Sturz; ein irdischer Hephaistos gibt dem Sohn seinen "selbstgeschmiedeten Namen", und der Diebesgott und Nachrichten-Hausierer Hermes zeigt sich machtlos gegen das "Gift der Sprache"; Zeus erklärt sich allerdings nicht mehr im Gewitterlärm, und der Stein, der immer wieder den Abhang hinabrollt, trägt den Namen Venus.
Der 1946 in Paris geborene Dichter und Fotograf Gérard Macé ist ein Wanderer zwischen Gattungen und Genres, er schreibt einerseits Essays (etwa über die Ästhetik japanischer Gärten) in poetisch durchdrungener Prosa, andererseits Lyrik mit prosaischer Erdung. Seine Prosagedichte verbinden sich wiederum mit seiner Arbeit als Fotograf durch "die Stillstellung der Zeit im poetischen Augenblick", wie Macés Übersetzer Elisabeth Edl und Wolfgang Matz in ihrem Nachwort von "Homer im Totenreich, mit offenen Augen" schreiben. Dieser Band ist Macés erstes Buch, das ausschließlich aus Gedichten in Versform besteht. Diese sind in drei Zyklen zusammengefasst. Das Buch erschien 2015, sieben Jahre nachdem der Dichter, Essayist, Übersetzer, Kritiker und Fotograf den Grand Prix de Poésie der Académie française für sein Gesamtwerk erhalten hatte.
Service
Gérard Macé, Homer im Totenreich, mit offenen Augen. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. Edition Lyrik Kabinett, Carl Hanser Verlag, München 2026
