Astrid Proll, 1973

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Menschenbilder

Astrid Proll, Fotografin und frühere RAF-Terroristin

"Meine Vergangenheit verursacht mir schlaflose Nächte."

"Irgendwie waren wir eine Gruppe von Außerirdischen, die nur sich hatten", sagt Astrid Proll über jene Jahre, die ihr Leben bis heute überschatten. Anfang der 1970er-Jahre gehörte die Kasseler Architektentochter, Jahrgang 1947, zum engsten Kreis der "Roten Armee Fraktion". Prolls Gesicht prangte auf Fahndungsplakaten in der ganzen Bundesrepublik Deutschland. Die junge Frau lebte im Untergrund, beteiligte sich an Banküberfällen und wurde im Umgang mit Waffen geschult. 1971 wurde Astrid Proll verhaftet.

Wie aber wurde aus der unangepassten Architektentochter eine Untergrundkämpferin? Die Geschichte von Prolls Radikalisierung beginnt lange vor der RAF. Die Eltern streiten sich, die Mutter verlässt die Familie und geht nach San Francisco. "Mein Vater konnte sehr gut brüllen", erinnert sich die heute 79-Jährige. "Ich glaube, viele Männer brüllten damals." Es folgen Internate, Auflehnung, Einsamkeit - und zwei Schuljahre in Bad Aussee und Bad Ischl. Schließlich Westberlin: Proll will Fotografin werden und landet in der aufgewühlten Welt der 68er. Über ihren Bruder Thorwald lernt sie die späteren RAF-Gründer Andreas Baader und Gudrun Ensslin kennen. Aus Protest wird Radikalität, aus Radikalität Illegalität.

Doch Astrid Prolls Geschichte ist nicht nur die Geschichte einer Radikalisierung. Es ist auch die Geschichte eines Ausstiegs - und der mühsamen Rückkehr in ein anderes Leben. Im Gefängnis beginnt sie sich von der RAF zu lösen. Später flieht die Mittzwanzigerin nach London und erfindet sich unter falschem Namen neu. Proll arbeitet als Automechanikerin, kehrt schließlich zur Fotografie zurück und wird Bildredakteurin beim Magazin "Tempo".

Heute lebt die frühere RAF-Terroristin zurückgezogen in Berlin. Viel Zeit verbringt sie in ihrer "Turngemeinde": "Fitnessstudio ist so ein Scheißwort". Die Militanz ihrer Jugend sieht Astrid Proll heute kritisch, von den politischen Hoffnungen der 68er hat sie sich aber nicht verabschiedet.

Die Vergangenheit hat sich allerdings auch nicht von ihr verabschiedet. "Ich leide unter Schlaflosigkeit", sagt sie. "Meine Vergangenheit - sie verursacht mir schlaflose Nächte."

Service

Astrid Proll und Boris von Brauchitsch: "Zwischen Sturm und Stille - Wie ich der RAF entkam", Matthes & Seitz, Berlin, 232 Seiten, ISBN: 978-3-7518-2140-7

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