LongPlay

Cannonball Adderley Quintet - Them Dirty Blues (1960)

Altsaxofonist Cannonball Adderley mit einem exemplarischen Selbstzeugnis des Hard Bop

Das Album "Them Dirty Blues", eingespielt in zwei Sessions im Februar und März 1960, steht ein wenig im Schatten des live aufgenommenen Vorgängeralbums "The Cannonball Adderley Quintet in San Francisco", mit dem der Altsaxofonist Julian "Cannonball" Adderley sein neuestes Quintett Ende 1959 nicht nur künstlerisch, sondern auch kommerziell in lichte Höhen des Erfolgs und an die vorderste Front des Hard Bop geführt hatte. Und doch lohnt es sich, den ein wenig übersehenen Nachfolger genauer unter die Lupe zu nehmen, und zwar ausgehend vom kleinen Wort "dirty" im Titel.

Der Blues als bedeutender Grundpfeiler des Jazz hat diesen auch bis in die 1960er-Jahre stets begleitet und getragen. Dass Cannonball Adderley diesen Blues um das Jahr 1960 nun bewusst als "dreckig" bezeichnet, ist mehr als nur ein Gag. Es reiht sich ein in das Selbstverständnis des damals aktuellen schwarzen Jazz aus New York oder Detroit als explizit "funky" im Gegensatz zum "Cool Jazz" der Westküste. Und es unterstreicht, wie sehr man sich der historischen und aktuellen Entwicklungen bewusst war, und dass man sich in den schicken urbanen Jazzmetropolen und im Bebop weit von dem entfernt hatte, was Blues eben auch und immer noch war: lebendige Volksmusik der Afroamerikaner im ruralen Süden.

Dieses Bewusstsein hatte sich schon ab 1952 rasant verbreitet, nachdem Harry Smith bei Folkways Records seine bahnbrechende "Anthology of American Folk Music" mit 84 alten Folk-, Blues- und Countrymusik-Aufnahmen aus den Jahren 1926 bis 1933 veröffentlicht hatte. Die unermüdliche Arbeit von Volksmusiksammlern wie John und Alan Lomax war ein weiterer wichtiger Impuls für die Musik der 1950er und 60er Jahre, sowohl im Jazz als auch im von Weißen dominierten Folk-Revival. In ihren Feldaufnahmen konnte man unmittelbar hören, wie weit abseits des Jazz, etwa in überfüllten Gefängnissen in Texas oder Mississippi, von Schwarzen in einer Weise gesungen und musiziert wurde, von der sich auch der urbane, intellektuelle Jazz immer noch viel abschauen konnte. Und das tat er, etwa im Stück "Work Song", welches Cannonball Adderleys jüngerer Bruder, Kornettist Nat Adderley, beisteuerte und das zum Schlüsselstück des Albums wurde.

"Them Dirty Blues" mit Cannonball Adderley (Altsaxofon), Nat Adderley (Kornett), Sam Jones (Bass), Louis Hayes (Schlagzeug), sowie Bobby Timmons und Barry Harris, die je eine der zwei Aufnahmesessions in New York und Chicago mit ihrem recht unterschiedlichen Klavierspiel prägen, ist ein geradezu exemplarisches Selbstzeugnis des Hard Bop. LongPlay würdigt das Album in voller Länge und mit einigen musikalischen Exkursen.

Sendereihe

Gestaltung

  • Michael Neuhauser