Menschenbilder
Helene Maimann, Historikerin und Journalistin
"Zu Hause ist England, vor der Tür ist Wien." Die Historikerin, Journalistin und Filmemacherin Helene Maimann
13. Dezember 2026, 14:05
Eine Nachkriegs-Kindheit in Wien. Mit Boogie-Woogie, Rock 'n' Roll und politischen Diskussionen. Und mit einem Familiengeheimnis, das eigentlich keines ist: Helene Maimanns Aufwachsen unterscheidet sich von dem vieler anderer Österreicherinnen und Österreicher. Ihre Eltern sind Juden, die vor den Nationalsozialisten nach England flüchten konnten. Viele ihrer Angehörigen wurden in der Shoah ermordet. Darüber wird zu Hause allerdings kaum gesprochen. Die Vergangenheit ist allgegenwärtig - und zugleich merkwürdig abwesend.
"Zu Hause ist England, vor der Tür ist Wien": So beschreibt Helene Maimann, Jahrgang 1947, ihr Kindheitsmilieu. Der Vater ist britischer Besatzungssoldat. Auch nach der Rückkehr nach Österreich bleibt die Familie der Lebenswelt des Exils verbunden. Englischer Frühstückstoast, Tee und der Brotaufstrich "Marmite" gehören zum Maimannschen Familienalltag.
Helene wächst in einem kommunistisch geprägten Elternhaus auf. Früh lernt sie, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, auf die Welt zu schauen. Und dass die eigene Familie nicht unbedingt zur Mehrheitsgesellschaft gehört.
Als Jugendliche engagiert sich Helene Maimann in der kommunistischen "Freien Österreichischen Jugend". Die Welt soll verändert werden, und zwar gründlich. Doch irgendwann beginnt die junge Frau, die politischen Gewissheiten ihrer Eltern zu hinterfragen. Die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 vertieft ihre Zweifel am sowjetischen Kommunismus. Dem revolutionären Marxismus bleibt sie allerdings vorerst treu.
Maimann studiert Geschichte, arbeitet als Wissenschafterin und entdeckt schließlich den Journalismus für sich. Sie gestaltet Radiofeatures und Fernsehdokumentationen, kuratiert Ausstellungen und schreibt Bücher. Besonders interessieren sie die Brüche und Verwerfungen der österreichischen Zeitgeschichte. 2023 erscheint ihr Memoir "Der leuchtende Stern" - ein ebenso persönliches wie politisches Buch über die Nachkommen jüdischer Flüchtlinge und Holocaust-Überlebender.
Was ist geblieben von den Hoffnungen und Gewissheiten ihrer Jugend? Wie verändert sich der Blick auf das eigene Leben mit den Jahren? Und was hält Freundschaften zusammen, wenn politische Überzeugungen auseinanderdriften? Das sind Fragen, die Helene Maimann heute, mit Ende siebzig, in besonderem Maße beschäftigen. Dabei richtet sich ihr Blick nicht nur auf die eigene Biographie. "Nichts ist so interessant wie das Leben der anderen, weil man so viel über das eigene Leben lernt", schreibt Helene Maimann. Ein Satz, der viel über diese leidenschaftliche Beobachterin ihrer Zeit verrät.
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Buch:
Helene Maimann: "Der leuchtende Stern. Wir Kinder der Überlebenden", Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2023.
