Gemeinsam erinnern

Machen Sie mit und erzählen Sie uns ihre Geschichte(n)!

Hier können Sie Ihren Text eingeben Hier können Sie Ihr Audio hochladen Hier können Sie Ihr Bild hochladen Hier können Sie Ihr Video hochladen Hier können Sie Ihren Social Media Beitrag teilen

Laut ORF-Gesetz dürfen wir Ihnen dieses Service nur zur Verfügung stellen, wenn Sie Ihre Identität durch Angabe von Vorname, Familienname und Wohnadresse bekanntgeben. (ORF-G, § 4f, ABS 2, Z 23). Sie können das entweder direkt im Zuge des Uploads tun, bzw. sich als User/in in der ORF-Community registrieren lassen. Wenn Sie bereits Mitglied der ORF-Community sind, loggen Sie sich bitte ein, wenn Sie Texte, Audios oder Bilder hochladen, bzw. solche bewerten möchten. Beiträge, für die diese Funktion freigeschaltet ist, können pro User/in nur einmal bewertet werden. Mehrfachstimmen sind möglich. Beachten Sie bitte, dass erstmalige log-ins in der ORF-Community nur wochentags bearbeitet, bzw. freigeschaltet werden können. Die Freischaltung kann einige Zeit in Anspruch nehmen.

Flucht, Vertreibung und Gefangenschaft

Karolina - 24. März 2025, 23:02

Flucht vor den Russen.
Kriegsgefangenschaft.
Vertreibung aus Südmähren.
Überleben in Wien.

Ich bin 1953 geboren. Ich berichte über Erzählungen , die ich in meiner Kindheit in meiner Familie über die Zeit nach dem Krieg gehört habe.

  1. Die Geschichte meiner Mutter und ihrer Mutter, die 1945 vor den Russen flohen : Ein paar Jahre vorher waren sie aus Wien ins Burgenland gezogen. Jetzt flohen sie vor den Russen, über die man furchtbare Dinge hörte, konnten nur wenige Dinge mitnehmen und fuhren in einem Viehwaggon, der immer wieder an andere Züge angehängt wurde, mit anderen Familien an ein unbekanntes Ziel, wussten nie, wo sie am nächsten Tag aufwachen würden. Schließlich landeten sie in OÖ, wo die Amerikaner zuständig waren. Dort lebten sie jahrelang in einer Baracke. Geschichten auch von Luftangriffen, Sirenen und Tieffliegern und das Laufen zu einem Luftschutzkeller hörte ich. Von der Angst sprach meine Mutter, und dass sie aus Angst immer etwas essen musste. Es gab aber wenig, rationierte Lebensmittel, Butter, Brot, Mehl, Zucker nur mit Essensmarken. Sie konnte mit der Schneiderei Geld verdienen. Ihr Bruder war in Russland gefallen. Ihr Vater war aus politischen Gründen ein Jahr im Gefängnis. Darüber wurde nur flüsternd gesprochen, wir Kinder sollten das nicht hören. Ich ahnte etwas, wusste aber nicht Bescheid. Durch den Krieg ist mir meine Jugend gestohlen worden, sagte meine Mutter öfters. Wir konnten nicht wirklich leben. Sie war 1945 erst 22 Jahre alt.
  1. Die Geschichte meines Vaters, der 3 Jahre lang in russischer Kriegsgefangenschaft war: Er erzählte von Hunger, vom Stück Brot, das man einmal am Tag bekam, das sich zu einem winzigen Stück zusammendrücken ließ. Einige sparten sich das Brot auf, wurden dann aber bestohlen, was zu Streit führte. Eine ganz dünne Suppe mit nichts darin gab es auch. Viele Gefangene wurden krank, überlebten nicht. Er betonte aber immer, dass die Russen selbst auch sehr arm waren und nichts zu essen hatten. Schwere Arbeit musste geleistet werden. Davon wurde mein Vater später befreit, da er Techniker war, was die Russen sehr schätzten. Er sollte statt dessen aus alten kaputten Maschinenteilen etwas Neues bauen. Er musste ihnen sagen, dass dies nicht möglich ist . Seine Eltern erfuhren in einer kurzen Nachricht brieflich von ihm , dass er noch am Leben war. Er kam ausgehungert und mit aufgedunsenem Gesicht nach Wien zurück. Seine Mutter musste ihm den Essenstopf aus der Hand reißen, weil sie dachte, das plötzliche viele Essen werde ihm schaden. Er fand bald in OÖ Arbeit und lernte dort meine Mutter kennen. Gemeinsam zogen sie ca. 1950 nach Wien zurück. Sie hatten keine Wohnung, die Eltern meines Vaters zogen ins kleine Gartenhaus und überließen meinen Eltern die Zimmer-Küche Wohnung. Mit der Unterstützung meiner Mutter schloss mein Vater seine Ausbildung in der Abendschule neben seiner Arbeit ab. Sie las für ihn Bücher und erzählte ihm abends den Inhalt, wobei ihm schon die Augen zufielen. Meine Eltern mussten sehr sparsam leben, wollten die Kriegsjahre hinter sich lassen und eher vergessen, was gewesen ist.
  1. Die Geschichten der Verwandten meiner Mutter: Eine große Verwandtschaft, alle aus Südmähren stammend, aus demselben Dorf die meisten. Sie wurden 1945/46 von dort von den Tschechen vertrieben, viele zogen nach Deutschland, einige lebten dann im Weinviertel und einige in Wien. Sie haben alles verloren, ihr Haus, ihre Äcker oder Weingärten und litten darunter, ihre alte Heimat auch lange Zeit nicht besuchen zu können. Es gab ja den Eisernen Vorhang. Die Vertreibungen waren sehr brutal, Männer wurden eingesperrt und misshandelt.
Die Geschichte meiner Urgroßmutter wurde erzählt, die schon länger ihren Mann verloren hatte und etwas "seltsam" geworden war. Sie wollte ihr Haus nicht verlassen und wurde von den Tschechen vergewaltigt und erschlagen. Einige Menschen flohen zu Fuß, manche mit einem Pferdewagen, nur mit dem Notwendigsten in einer Tasche. Sie mussten sich ganz neu ihr Leben aufbauen.
Wir sind Heimatvertriebene, wir haben unsere Heimat verloren, das verstehst du nicht, sagten sie zu mir. Ich verstand als Kind die Zusammenhänge überhaupt nicht, es erklärte mir auch niemand. Zwischen den Verwandten gab es durch das Erlebte einen großen Zusammenhalt, sie kamen aus Deutschland oft in Wien zusammen, um sich über die alte Zeit und Heimat auszutauschen, es gab sogar ein Buch über ihr Heimatdorf. Meine Mutter erzählte auch über dieses Dorf, das sie als Kind immer im Sommer besucht hatte. Sie war gerne dort.
Meine Verwandten bekamen keine oder nur geringfügige Entschädigungen für das Verlorene, wenn, dann erst erst viele Jahre später.
  1. Die Geschichten der Eltern meines Vaters: Sie lebten in Wien, hatten einen kleinen Garten und konnten dort Hühner und Hasen halten, auch Gemüse anbauen. Daher litten sie weniger Hunger. Meine Großmutter hatte später noch die Angewohnheit, Gästen riesige Kuchenstücke anzubieten und sie immer wieder zum Essen aufzufordern, da sie annahm, jede(r) müsse wie in den Kriegs- und Nachkriegszeiten Hunger haben.
1945 erlebten die Großeltern die Luftangriffe und Zerstörungen, zum Glück passierte ihnen selbst nichts. Von der Ankunft der Russen 1945 hieß es, sie hätten sehr gewütet, alles mitgehen lassen, was sie brauchten, schon mehrere Uhren am Handgelenk, hatten sie noch mehr gefordert. Die Menschen hatten große Angst. Die jungen Frauen versteckten sich, wurden aber von den Russen gefunden und vergewaltigt.
Der Krieg ist etwas Schreckliches, sagte die Großmutter immer. Alles, nur kein Krieg darf mehr kommen!
Ja, dem kann ich mich nur anschließen !

Niemals vergessen

Marianne Bergmann - 24. März 2025, 22:22

Erinnerungen an meine Familie , ihr Leben im Krieg , meine Kindheit in der Nachkriegszeit

Mein Opa mütterlichseits , war jüdischer Abstammung , nicht religiös. Ab 1938 wurde er, obwohl katholisch getauft, verfolgt. Er entging nur knapp einem Transport nach Ausschwitz. Meine Mutter , seine Tochter, 1923 geboren , wurde , obwohl Halbjüdin, verfolgt , gedemütigt, beschimpft. Sie musste mit ihrer Mutter aus dem Haus in Inzersdorf ausziehen in den 3. Bezirk, mein Großvater, kam in eine Gemeinschaftswohnung für Juden, in den 2. Bezirk. Das Haus bekam ein Nazi und seine Familie. Nach dem Krieg , mit vielen Entbehrungen, mein Grossvater hatte 20 kg abgenommen, durften sie wieder in ihr Haus einziehen. Im Jahre 1948 kam ich auf die Welt. Wir wohnten im 4. Bezirk in einer Wohnung eines ehemaligen Nazis , da mein Vater August Bergmann 7 Jahre in Buchenwald als politischer Häftling inhaftiert war. Es ging uns nicht so schlecht wie vielen anderen Menschen, da mein Vater als Politiker arbeitete. Trotzdem mussten wir sparen. Wir wohnten in der russischen Zone. Ich kann als Kind nichts Schlechtes sagen. Die Russen waren nett zu Kindern und gaben uns Süssigkeiten. Aber von meiner Mama weiss ich , dass kurz nach dem Einmarsch der Russen in Wien , es zu furchtbaren Vorfällen kam! Zum Glück ist meiner Familie nichts passiert, da mein Opa etwas russisch sprach. In den amerikanischen Gebieten war es besser. Bei den Soldaten gab es solche , und auch bessere, wie es im Krieg ist. Immerhin haben sie uns von den Nazis befreit. Ich weiss noch viel zu erzählen , da mir meine Eltern auch sehr viel erzählt haben!

Das Kinderlied vom Koreakrieg

Johanna Nelhiebel - 24. März 2025, 20:46

Wie Volksschulkinder die Anwesenheit von russischen Besatzungssoldaten erleben.

Das Kriegsende 1945 habe ich als Dreijährige nicht bewusst erlebt, es sind mir nur einige blitzlichtartige Bilder von unserer Flucht aus der Tschechoslowakei in Erinnerung, wohl aber kann ich von der Volksschulzeit (1948-52)berichten. Wir waren nach Umwegen in Korneuburg, in deren Kaserne die russischen Besatzungssoldaten untergebracht waren, gelandet. Solange wir in der Kellerwohnung Kanalstraße 4 wohnten, kannten wir, meine Schwester und ich, die Russen nur vom Zuhören, wenn Erwachsene über die Gräuel berichteten. Wir wussten nur, dass man sich vor ihnen fürchten muss. Furchterregendes haben wir nicht erlebt, auch später nicht. Dass die Welt nicht in Ordnung war, sahen wir fast täglich an den vorbeifahrenden Güterzügen, die wir beobachteten, wenn wir auf dem Bahndamm spielten. Lachende Männer saßen darin. Aus den geöffneten Toren ließen sie ihre Beine baumeln. Wir winkten ihnen. "Das sind die Heimkehrer", belehrte man uns. Wir hatten geglaubt, das seien die Russen.
Im Winter 48 konnten wir die feuchte Kellerwohnung, in der wir dreimal vom Hochwasser heimgesucht worden waren, verlassen. Wir bezogen eine Mansarde in einem Mehrfamilienhaus, das direkt neben der Kaserne stand. Nun konnten wir die wirklichen Russen kennenlernen. Vom Küchenfenster überblickten wir den Exerzierplatz. Turngeräte waren dort aufgebaut, auf denen die neu Angekommenen trainiert "wurden". Wir erkannten sie sogleich, sie hatten nämlich richtig Angst vorm Bock, dem Kasten, den Holmen, der Reckstange. Sie konnten auch nicht in Reih und Glied marschieren. Nach einigen Wochen machte aber jeder der Truppe die Riesenwelle. Dann aber kamen auch schon wieder neue Rekruten. Wir schauten gerne zu. Meine kleine Schwester war sehr keck, sie schlüpfte manchmal hinüber in den Kasernenhof, kam dann strahlend mit einem kleinen Geschenk nach Hause. Entsetzen bei den Eltern. Uns gefiel , dass jeden Nachmittag eine Kompagnie auf dem "Ring", der den Stadtkern umschloss, im Marschschritt prächtige Lieder sang. Beeindruckt hat uns, dass einer über den Chorgesang drüber eine Oberstimme setzte. Wir folgten der Truppe auf dem Gehsteig. Die Eltern waren dagegen, wir mussten die Laufrichtung ändern.
Die Mädchenschule befand sich gegenüber der Kaserne.
Auf dem Schulweg mussten wir am großen hellblauen Tor mit dem Sowjetstern vorbeigehen. Zwei junge Soldaten mit Gewehr standen dort. Wir fürchteten sie nicht, genauso wenig wie jene, die, so wie wir, in der Schottergrube im Sommer badeten. Im Schuleingang begrüßte uns das überlebensgroße Porträt Stalins. Er war beeindruckender als das Bildnis des Bundespräsidenten mit dem weißen Bart.
Auf einmal jedoch änderte sich diese umgängliche Stimmung. War der "Ring" zunächst die Straße, welche jeder uneingeschränkt benützen konnte, wurden plötzlich Teile gesperrt: Der Abschnitt, wo die Kaserne stand, und ein Teil, in dem einige Villen für höhere Offiziere konfisziert worden waren. Die Besitzer mussten ihr Haus verlassen. Die neuen Bewohner erkannten wir an den großen Tellermützen und den glänzenden schwarzen
Stiefel. Sie paradierten in Begleitung ihrer herausgeputzten Frauen. Holzbarrikaden wurden errichtet, welche die Sicht versperrten. Das muss sich wohl im Zusammenhang mit dem Beginn des Koreakrieges ereignet haben. Wir Kinder sangen damals auf dem Schulsportplatz lauthals das Lied vom Koreakrieg.

KOREA KOREA
DER KRIEG KOMMT IMMER NÄHER
UND WENN DER STALIN SAMBA TANZT
DANN WACKELT GANZ KOREA

Marienbild im Luftschutzkeller

Gertrude Al-Taiee, Jahrgang 1941 - 24. März 2025, 17:31

Gertrude Al-Taiee berichtet am Ö1-Telefon, wie sie 1945 als 4-Jährige wochenlang mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und ihrer Großmutter im Luftschutzkeller in der Wipplingerstraße in Wien ausharren musste. Sie erzählt von der Angst der Frauen, als die Russen kamen - und von einer glücklichen Wendung.

Kesselflicker und Scherenschleifer

Dr. Silvia Zenta - 24. März 2025, 17:05

Es waren verwegene Gestalten, die in schöner Regelmäßigkeit durch die Straßen zogen und ihre Dienste anboten. Sie machten Halt und Hausfrauen brachten schadhafte Töpfe zum Flicken und stumpfe Scheren und Messer zum Schleifen.

Beim Reisen mit der Bahn konnte es Überraschungen geben: Auch größere Tiere wurden ohne viele Umstände transportiert. So stieg schon mal eine Bäuerin mit ihrer Ziege in einem Regionalzug zu, was jedoch auch für die damalige Zeit etwas ungewöhnlich war.

Befreier und Vergewaltiger

Judith Beer - 24. März 2025, 14:25

wiederholte Gruppenvergewaltigungen in der Steiermark

Meine Mutter, Jahrgang 1922, ihre Geschwister, Eltern und Verwandte lebten zu Kriegsende östlich von Graz – beim Hauenstein, eine wunderschöne Gegend. Anfang Mai 45 – meine Mutter war 23 Jahre alt und hatte ein Neugeborenes – kamen die „Befreier“ ein ukrainisches Regiment der Roten Armee von Osten. Sie blieben vorübergehend in der Gegend, für einige Wochen, wenige Monate und trieben im Chaos des Kriegsendes ihr Unwesen, verübten Verbrechen, über die bis heute viel zu wenig bekannt ist und kaum geredet wird. (Vielleicht auch um darüber weiter schweigen zu können, was die Wehrmacht in Russland mit den Frauen tat?)

Der Cousin meiner Mutter berichtete: (meine Mutter schwieg, sie sprach nur mehr „funktional“, war in gewisser Weise sprachlos für den Rest ihres Lebens)

Abends klopften die Soldaten an Türen, um Frauen und Mädchen abzuholen. Wurde nicht gleich geöffnet, schossen sie in die Luft, verbreiteten so Angst und Schrecken. Es war ihnen keine zu jung und keine zu alt.

Die Kirche half, Frauen zu versteckten, aber es gab auch Leute, die Verstecke für einen Vorteil verrieten.

Meine Mutter, ihre Cousine und eine Freundin waren Opfer wiederholter Gruppenvergewaltigungen.
Sie blieben schwer traumatisiert zurück, ohne Hilfe und Unterstützung und lebten (und schwiegen oder verschwiegen) diese „Schande“. („Mir ist es nicht passiert, aber von der oder der weiß ich es“)
Eine suchte Hilfe beim Arzt, wurden aber noch verhöhnt:
„Haben sie sich gewehrt?“ Wie denn mit einem auf den Hals gerichteten Messer? „Dann ist es keine Vergewaltigung“.

Nach dem Krieg bekamen sie keine Entschädigungen, keine Behandlungen, kein Gedenken!
Absolut alleine gelassen mit dem grauenhaften Erlebten.

Die nachfolgende Generation arbeitet sich in langen Therapien daran ab, bis endlich wird über das Grauenhafte gesprochen werden kann!
Die Täter sind tot – eine Genugtuung.
Erst seit 2008 wird Vergewaltigung endlich auch als Kriegsverbrechen anerkannt.

Danke für ihre Initiative und die Möglichkeit beizutragen!

Aus dem Tagebuch meines Vaters

Irmgard Maislinger - 24. März 2025, 13:14

In meiner Kindheit und Jugend wurde nicht über den Krieg gesprochen. Nach dem Tod meiner Eltern, wurde das Tagebuch meines Vaters gefunden, das er während der 5 1/2 Jahre im Krieg geführt hat.

Heimatverlust

Roswitha Springschitz - 24. März 2025, 11:03

Das Kind Franz muss, wie so viele andere, nach dem 2. Weltkrieg seine Heimat und das Haus der Familie, dessen diese beraubt wurde, verlassen und kann nur das Allernötigste mitnehmen.

„Franz…“, sagte sie, in einem leisen, sanften Tonfall. „Du weißt ja, dass wir gar nicht viel mitnehmen können. Und dass wir noch nicht einmal wissen, wo wir unterkommen.…“ Franz war vom Tisch aufgesprungen und ins Kinderzimmer gelaufen. Sein Herz pochte heftig und angstvoll. Berti war in seinem neunjährigen Leben stets an seiner Seite gewesen; es gab keine Erinnerung an ein Leben ohne ihn...

Webseite
https://www.story.one/de/story/berti/

Social Media Seite
https://www.facebook.com/roswitha.springschitz

Die Flucht aus Sicht eines sechsjährigen Kindes

Christoph Bathelt - 24. März 2025, 10:51

Dokumente der Flucht (Familienfoto, Reiseerlaubnis, Landkarte)

Das Schicksal der 14 Millionen deutschen Heimatvertrieben blieb viele Jahre wenig beachtet, Trauer- bzw. Traumaarbeit fand so gut wie nicht statt. Erst in jüngerer Zeit, wo die Erlebnisgeneration schon fast verschwunden ist, widmen sich Wissenschaftler dem Schicksal der „Kriegskinder“. Darum habe ich die Flucht meines Vaters als Graphic Novel herausgegeben. Das Trauma der Flucht und die anschließende bedürftige Kindheit hat meinen Vater zwar geprägt, aber niemals verbittert. Seine Erlebnisse bestätigen den Satz Viktor Frankls, wonach es nur zwei Menschenrassen gibt: nämlich die ‚Rasse‘ der anständigen Menschen und die ‚Rasse‘ der unanständigen Menschen. Darum freue ich mich, dass der Neue Welt Verlag und mein Freund, Prof. Birol Kilic, diese Intention verstanden und das Buch publiziert haben, um das Verbindende und damit Versöhnende darin zu dokumentieren.

Webseite
https://neueweltverlag.at/krieg-und-kriegsfolgen-als-graphic-novel/

Kriegsende in Wien

Elisabeth Wappelshammer - 24. März 2025, 10:25

2004 habe ich Erinnerungen meines Vaters (1927-2004) aufgenommen. Das Transkript enthält auch längere Ausschnitte zum Ende des 2. Weltkriegs in Wien. Sie zeigen, wie unübersichtlich diese Zeit war, zumal seine Mutter, meine Großmutter, Jüdin war.

Kurzer Ausschnitt aus dem Transkript:
Am 13. Februar 1945 sind wir (im 10. Bezirk) ausgebombt worden. Von der Straße aus gesehen ist links eine Bombe rein, die Wohnung selbst war nur ganz leicht beschädigt, die Eingangstüre, Möbel, Geschirr und so weiter war alles intakt. Wir mussten raus und haben eine Zeit lang beim Stani-Onkel gewohnt, einige Tage, dann bekamen wir eine Zuweisung als Wohnobjekt – Geschädigte für ein großes Untermietzimmer bei der Frau Brezina, die damals ihren Mann im Felde als vermisst sah, der ist nicht mehr zurückgekommen. Ihre Mutter, ihr Sohn, der Walter, der ein, zwei Jahre jünger war als ich, wir haben uns sehr schnell angefreundet. Eine der Blödheiten meiner Mutter und meiner Schwester war, dass sie überall gesagt haben, dass wir jüdisch waren. Das mit dem Judenstempel war nur, weil meine Schwester in die Schule gegangen ist und, masochistischer weise mit dem Lehrer gesprochen hat. Das hat sie auch gemacht bei meiner Lehrfrau in der Schneiderei und auch bei der Frau Brezina. Wozu weiß ich nicht, deppert. Dass man das trotzdem überlebt hat, sind Zufälle. Dort war plötzlich eine ganz andere Situation hinsichtlich der Luftangriffe, dort sind keine Bomben gefallen. Das war in der Mariahilfer Straße. Während wir in Favoriten bei Fliegeralarm Karawanen von Menschen, Frauen mit Kinderwagen, Leute mit Rucksäcken, in die Stadt hineingehen gesehen haben, da gab es Katakomben. Die boten Schutz gegen die Bombenangriffe. Aber dort sind die Leute gestanden und haben geschaut. Dann hatten wir eine Zeit lang Durchfall, so eine Art Paratyphus, weil in Favoriten die Wasserzufuhr nicht mehr funktioniert hat, weil eine Rohrleitung von den Ziegelteichen gelegt war. Da hat man mit Kübeln Wasser geholt. Das hat ganz sauber ausgeschaut, war aber verseucht. Wir haben uns abgewechselt, aufs Klo zu gehen, was die Frau Brezina irritiert hat. Dann habe ich so eine Mittelfellentzündung gekriegt, beim Bombenangriff bin ich im Bett geblieben, weil ich ziemlich Fieber hatte. In den Keller bin ich nicht gegangen, die Wohnung war im 4. Stock. Die Ostfront näherte sich immer mehr Österreich und Wien. Wie dann Wien so halb eingekreist war um den 10. April herum und die Russen reingeschossen haben mit allen möglichen Kanonen, auch tagsüber, da wurde es den Leuten schon mulmig. Mein Eindruck damals war, lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Da war noch ein Erlebnis in diesen Tagen, dass ich mit meiner Mutter und anderen Frauen beim Eingang gestanden bin Mariahilfer Straße 115, und plötzlich „plack, plack, plack“ sind drei Geschosse eingeschlagen. Da waren ziemlich viele Menschen, zum Teil waren die angestellt bei Palmers, denn erst in den allerletzten Tagen wurde der Einkauf auf Textilien auf Marken freigegeben. Wir sind zurückgewichen in den Eingang, und dann bin ich nach vor, und der Staub, der sich dann senkte, und die Straße war menschenleer, innerhalb von Sekunden, und einige lagen am Boden und stöhnten. Das war gegenüber auf dem Gehsteig. Da bin ich rübergelaufen, wollte mich um einen Mann kümmern, doch der sagte: „Nein, meinen Buben zuerst“. Das war ein zirka 10-, 11jähriger Bub, der ist auch am Boden gelegen, den habe ich mir geschnappt, bin ins nächste Haus rein, der hatte einen Splitter im Hintern, das war nicht so schlimm. Der Mann wurde von einem älteren SA-Mann nachgebracht, da haben wir ihn auf ein paar Sesseln gelegt. Das Bombardement hat nicht aufgehört, da sind da noch mindestens vier Granaten eingeschlagen. Das war von den russischen Bodentruppen. Von einem Dachfenster oder von der Wohnung aus haben der Walter und ich auf den Laaerberg hingesehen, und da hat man Mündungsfeuer gesehen. Wir haben mit der Uhr gestoppt, wie lange es dauert bis man die Explosion hört. Das waren zehn Kilometer oder so.
In diesen Apriltagen bin ich in den Keller gegangen, und der Keller war sehr gut ausgestattet, das war ja ein nobles Haus, wir hatten es besonders gut. Da gab es ein etwas größeres Kellerabteil so als Hauptquartier, mit Tisch und Sesseln. Wir haben Karten gespielt, ich und einige Männer, und haben so die Zeit hinter uns gebracht. Dann gab es in diesem Haus einen Mann im ersten Stock, der war Besitzer eines Automatenbuffetts zwischen Kaiserstraße und Gürtel, der hat gesagt: „Kommt, ich zeige Euch was“. Da sind wir auf seinen Balkon hinausgerobbt und haben dem Krieg zugeschaut. Da war auf der Kaiserstraße ein Straßenbahnzug der Linie 5 abgestellt als Hemmung gegen die Angreifer. In dem Straßenbahnzug waren Russen, und die haben mit Maschinengewehren in Richtung Innere Stadt geschossen. Da ist zurückgeschossen worden, und da habe ich gesehen, wie zwei Rotarmisten einen Verwundeten in das Automatenbuffett geschleppt haben. Ich glaube, Schuster hat er geheißen. Da gab es in der Wohnung der Brezina gegenüber eine verwitwete Offiziersfrau, eine alte Dame, und die war eingesetzt von der Hausgemeinschaft als Luftschutzwartin, und die hat mich zu ihrem Stellvertreter ernannt. Da bin ich in dieser Funktion in der letzten Nacht noch, als die Russen bis zum Ring und Kai vorgestoßen sind, einige Male durch das Haus bis zum Dach. Beim ersten Mal ist ein Mann mit mir gegangen, der hat nach dem ersten Stock umgedreht, das war ihm zu gefährlich. Es war ein Feuerwerk sondergleichen. Da war die Gefahr eines Brandes groß. Frage: Was hätte man da tun können? Löschen und wenn nicht, zeitgerecht abhauen. In der gleichen Nacht ist im großen Eckhaus Webgasse ein Brand ausgebrochen, das hat lichterloh gebrannt, aus allen Fensteröffnungen heller Feuerschein, und unten vermummte Gestalten. Man hat sich ja dementsprechend angezogen. Am Tage vorher noch kommt der Schuster zu mir und sagt: „Wir haben da im Haus einen Herrn, der hat gerade verlauten lassen im Keller, er zieht eine SA-Uniform an und wird aus dem Fenster schießen, um den Tod zu suchen. Und kommen sie bitte her“. Und ich hatte einen Revolver, ich war bereit, den abzuknallen, wenn es sein müsste. Weil das ja gefährlich war, weil die unter Umständen dann mit schweren Geschützen geschossen hätten. Da ist der Herr Schuster tätig geworden, vielleicht hat er in mir den Abenteurer gesehen. Da sind wir rauf in den ersten Stock, sind rein in die Wohnung, die Türen mussten bei Fliegeralarm immer offen bleiben, da fanden wir den Mann, ein hagerer älterer Mann, 65 schätze ich jetzt mal, in Zivilkleidung. Der hat sofort begriffen, was wir wollen, und hat gesagt: „Na ja, ich komme schon“. In dieser Nacht, wo die Russen vorgestoßen sind, haben wir stundenlang ein Rumpeln gehört, das war ein russischer Panzer, der gegen einen Hydranten gefahren ist, der dann leicht umgebrochen ist, und dann stehen geblieben ist, der hat stundenlang geschossen, bis er selbst dann geknackt wurde. Das hat man am nächsten Tag gesehen, die Schussöffnung, die sind alle draufgegangen. Beim Abzug am Tag zuvor, wo das noch deutsch war, da haben die Deutschen in Grüppchen und einzeln, die Soldaten, das waren vorwiegend ältere, sich zurückgezogen Richtung Ring, und die Hausbesorgerin mit einem tschechischen Namen, ist mit einem Krug Wasser und einem Glas gestanden, und hat Wasser angeboten. Da ist einer stehen geblieben, der war so um die 40, mit sehr deutschen Akzent, der hat getrunken und hat gesagt: „Ich werde mein Leben so teuer als möglich verkaufen, ich habe noch zwei Handgranaten“. Dann ist er weiter gegangen. Wie dann die Russen da waren, ist dieselbe Hausbesorgerin gestanden und hat den Russen Wasser angeboten. Eine tüchtige Frau, sehr human.

Webseite
https://text-coaching.net/