Zeitungsstapel

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Wenn Mächtige die Mächtigen kontrollieren

Die Digitalisierung der Medienwelt reicht zwar bis in die hintersten Täler und versorgt sie mit Informationen. Doch strukturell werden Österreichs hinterste Täler bis heute von einigen wenigen Medienhäusern dominiert. Die besorgen dort die Meinungsbildung. Die traditionell hohe Medienkonzentration in Österreich kippt in den Bundesländern in Monopole und Quasi-Monopole. Das macht den Raum eng für einen Journalismus, der die Mächtigen kontrollieren soll.

Die Landeshauptleute reden nicht so gern über ihr Verhältnis zu den Medien im jeweiligen Bundesland. #doublecheck hat auf Interview-Anfragen von allen sechs ÖVP-Landeschefs Absagen bekommen, auch mit der Begründung, dass das dem Politiker oder der Politikerin nichts bringe. Der Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser von der SPÖ hat geredet. Er sagt: "Das Momentum eines Arrangements ist zweifelsohne dort größer, wo du Quasi-Monopolstellungen einzelner Medien auf dem jeweiligen Sektor hast." Kaiser spielt damit auf Vorarlberg an.

Landeshauptleute, 2017

Landeshauptleute, 2017

APA/EXPA/JOHANN GRODER

"Russ-Land" im Westen als Extrembeispiel

Das westlichste Bundesland ist tatsächlich ein Extrembeispiel. Dort beherrscht das Medienhaus von Eugen Russ mit unzähligen Produkten von zwei Tageszeitungen über Gratisblätter, einen Radiosender und ein starkes Online-Portal den Markt. Russmedia erreicht über alle seine Medien 95 Prozent der Menschen in "Russ-Land", Konkurrenz ist bei diesen Reichweiten ein Fremdwort. Das Erfolgsgeheimnis des Flaggschiffs "Vorarlberger Nachrichten" ist die totale Lokalisierung.

Da kann selbst die bundesweit größte Tageszeitung "Kronen Zeitung" nicht mithalten. Sie hat in Vorarlberg nur 5,1 Prozent Reichweite. Wo die eigene Bundesland-Tageszeitung fehlt, ist die "Krone" aber umso stärker. Im Burgenland liegt mit 44,3 Prozent die Reichweiten-Spitze.

Reichweite der "Kronen Zeitung" im Bundesländer-Vergleich

Erstklässler-Bilder und Todesanzeigen

"Bei uns im Land heißt es nicht von ungefähr, irgendwann steht jeder in den VN - und sei es am Ende mit der Todesanzeige", sagt der Grüne Verkehrslandesrat Johannes Rauch. Anliegen von Lesern aus der kleinsten Ortschaft finden Platz in der Zeitung. In diesen Tagen vor Schulbeginn stellt die Zeitung sämtlich Erstklässler des Landes mit Bild, Name und Wohnort vor. Gesponsert von Handel und Limohersteller.

"Nicht mit der Politik unter einer Decke"

"Wenn wir nicht in der Art und Weise agieren würden, dann würde es halt jemand anderer tun", so der Kommentar von Gerold Riedmann zu dieser außergewöhnlichen Situation. Riedmann ist nicht nur Chefredakteur der "Vorarlberger Nachrichten", sondern auch Mitglied der Geschäftsführung und Digitalchef von Russmedia. Den Vorwurf, das Medienhaus stecke mit der Landespolitik unter einer Decke, weist Riedmann zurück: "Jeder versucht, sich da irgendwie seine Kommunikationskanäle offenzuhalten. Wir wollen mit allen reden. So pauschal gesagt, dass wir uns jetzt in wunderbarer Weise mit den Mächtigen hier ins Bett legen und arrangieren würden, das sehe ich überhaupt nicht. Dafür wäre ich auch die falsche Person."

Markus Wallner

APA/EXPA/JOHANN GRODER

Landeshauptmann Markus Wallner

Wenn der Landeshauptmann ein Mail schreibt

Versuche von politischer Seite in dieser Richtung gibt es jedenfalls. #doublecheck ist ein E-Mail zugespielt worden, das Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) persönlich an die Redaktion der "Vorarlberger Nachrichten" geschickt hat – mit dem unverhohlenen Ersuchen, "ins Bild genommen" zu werden. Also mit Foto in der Zeitung vorzukommen.

Die Landeszeitung als eigener Machtfaktor

Welche Gratwanderung in den Bundesländermedien oft zu absolvieren ist, wenn man selbst ein Machtfaktor ist - davon weiß Eva Weissenberger zu berichten, die die "Kleine Zeitung" in Kärnten als Chefredakteurin geführt hat. "Die Rolle, die ich da gespielt habe, war für mich überraschend wichtig. Für mich war es schon eine Ehre, aber auch eine Bürde, dass das, was man schreibt und was man sagt, dann tatsächlich auch umgesetzt wird von der Politik. Das war ich aus Wien nicht gewohnt", so Weissenberger. Ihre Nachfolgerin Antonia Gössinger betont, dass man die Redaktion immer wieder darauf hinweise, "dass es die Verhaberung nicht geben soll".

"Man hat sich nach den Gegebenheiten gerichtet"

Es ist schwierig, bei dieser Nähe Distanz zu wahren. Hubert Wachter, der ein Kenner der Medienszene in Niederösterreich ist, sagt etwa über das Verhältnis der Wochenzeitung "Niederösterreichische Nachrichten" zur Landespolitik: "Ich würde nicht sagen, dass das eine Abhängigkeit in dem Sinn war, aber die Niederösterreichischen Nachrichten haben sich natürlich auch nach den Gegebenheiten gerichtet, um es vorsichtig auszudrücken." Und die Gegebenheiten, die hat die Landes-ÖVP mit ihrer Machtfülle über Jahrzehnte geschaffen.

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