Generation ohne Freizeit

Am Pool

In seinem neuen Roman "Am Pool" befasst sich der französische Autor Benjamin Berton mit der Generation der hoffnungsvollen und gut bezahlten Nachwuchs-Führungskräfte, die ganz in ihrer Arbeit aufgehen und die Defizite in ihrem Leben bewusst verdrängen.

Éléonore mag noch so hübsch und arbeitswillig sein, sie ist ausgepowert. Die als chronisch diagnostizierte Depression und die Unzufriedenheit lassen sich in diesem Stadium der Entwicklung nicht mehr so leicht als eingebildete Krankheitssymptome oder als übertriebenes Anspruchsdenken hinstellen. Der Lebensüberdruss hat sie im Griff, weil ihr das Leben nach und nach zwischen den Fingern davon rinnt. Zu Füßen des Sockels, auf den ihre Eltern sie gestellt haben, wächst der kleine Haufen abgelegter Träume und droht, sie zu begraben. Erst ging er ihr bis zu den Knöcheln, dann bis zu den Waden. Jetzt kitzelt er ihr die Knie.

Éléonore Caribou braucht dringend Urlaub. Die 26-jährige arbeitet als Wirtschaftsprüferin bei Ernst & Young in Paris, aber der Job ist hart, ein Arbeitstag von 13 Stunden und mehr ist die Regel und Éléonore fühlt sich erschöpft. Darum nimmt sie nur zu gern das Angebot ihres Ex-Freundes Julien an, ein paar Tage in der Villa seiner Eltern an der Côte d'Azur zu verbringen, am Pool zu liegen und sich dem süßen Nichtstun hinzugeben.

Jung, überarbeitet, wohlhabend

Nicht von ungefähr hat Benjamin Berton in seinem neuen Roman "Am Pool" gerade das Milieu der großen Finanz-Beratungsunternehmen gewählt, um einen Blick hinter die Kulissen zu werfen: "Das ist eine Branche, die meiner Meinung nach zu Recht den Ruf hat, dass der Gegensatz zwischen persönlichem und beruflichem Leben hier besonders groß ist, denn man verdient sehr viel Geld, aber man hat kein Privatleben mehr."

In der Villa trifft Éléonore auf Juliens Bekannte, alle sind jung und wohlhabend, Unternehmensberater, Wirtschaftsprüfer oder Finanzchefs, sie fahren schicke Autos, trinken große Mengen Alkohol, konsumieren verschiedene Drogen und unterhalten sich am liebsten über ihre beruflichen Erfolge.

Obwohl Éléonore augenscheinlich dazugehört, ist sie doch nicht ganz Teil dieser Gesellschaft. Sie hat keine reichen Eltern und kommt aus einem anderen Milieu - eine Erfahrung, die Benjamin Berton aus eigene Erleben kennt: "Ich bin als Student mit Menschen zusammengekommen, die ein bisschen mehr Geld hatten als ich. Da gibt es Schwierigkeiten, die Klassenunterschiede zu überwinden, wenn man aus einer anderen Schicht kommt."

Keine leichte Lektüre

Um die Langeweile zu bekämpfen, besuchen die Gäste die Kundgebung einer rechtspopulistischen Partei im Nachbardorf, bei der sie prompt zwischen die Fronten geraten; anschließend finden sie sich in der Diskothek wieder, wo Alkohol und Drogen reichlich verfügbar sind und man sich ohne Hemmungen verschiedenen sexuellen Kontakten hingibt. All das erzählt Benjamin Berton auf eine pragmatische, fast lapidare Art und Weise, er bezieht keine Stellung sondern berichtet wertfrei und emotionslos.

"Am Pool" ist nicht unbedingt leichte Lektüre. Mitunter werden Bertons Beschreibungen ein wenig langatmig, fast ermüdend, und die teilweise harte und schonungslose Sprache vermag nur stellenweise wirklich zu schockieren. Was bleibt, ist die Kritik an einer Gesellschaft, für die der Beruf die größte Rolle spielt, die mit ihrer Freizeit kaum mehr etwas anzufangen weiß und diese daher am liebsten in einem permanenten Rauschzustand verbringt.

Vom Verlauf überrascht

Etwas mehr als zwei Jahre hat Berton an seinem Roman geschrieben, schließlich arbeitet er hauptberuflich in Paris für die Sécurité Sociale und hat nur an den Abenden Zeit, seine Geschichten zu erzählen. Und das Erzählen ist es auch, um das es ihm vorrangig geht. Wenn er einmal eine Handlung im Kopf habe, sagt er selbst, dann müsse er sie auch aufschreiben - nicht zuletzt, um selbst immer wieder vom Verlauf der Erzählung überrascht zu werden:

"Es ist natürlich auch so, dass zwischen der Geschichte, die ich mir selbst erzählt habe und jener, die aus dem Schreibprozess hervorgeht, ein großer Unterschied ist. Das macht das Schreiben so aufregend, man beginnt mit einer Geschichte und man ist nicht sicher, ob man am Ende noch mit derselben Geschichte aufhört. Das macht das Schreiben bis zum Schluss für mich so interessant."

Hör-Tipp
Ex libris, jeden Sonntag, 18:15 Uhr

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Buch-Tipp
Benjamin Berton, "Am Pool", Dumont Verlag, 2006, ISBN 978-3832178246