Ethnologie und Psychoanalyse

Kulturelles Unbewusstes

Volkskunde und Ethnologie haben früh psychoanalytische Einsichten mit der Theorie und Analyse von Kultur und Gesellschaft verbunden. Langsam aber sicher wird die einst enge Beziehung nun wieder aufgegriffen.

Gemeinhin wird unter Psychoanalyse eine Therapieform verstanden, bei der der Patient auf der Couch liegend seinen Gedanken freien Lauf lässt. Dass aber Psychoanalyse auch als Kulturkritik verstanden werden kann, hat Adorno mit seiner kritischen Theorie gezeigt.

Die moderne Psychoanalyse ist durch einen theoretischen, methodischen und therapeutischen Pluralismus charakterisiert. Die Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse ist jedoch umstritten. Europäische Ethnologie, Anthropologie, Soziologie und Psychologie haben im universitären Bereich wenig Spielraum für interdisziplinäres Arbeiten gelassen. Langsam aber sicher kommen die Kultur- und Sozialwissenschaften der Psychoanalyse wieder näher.

Kulturelles Unbewusstes

Von kulturellem Erbe spricht man, wenn Erlebtes nicht explizit, sondern zwischen den Zeilen vererbt wird. Beispielsweise werden ungelöste Konflikte, Schuldgefühle und Erfahrungen unausgesprochenerweise an die nachfolgende Generation weitergegeben.

Das gehäufte Auftreten von individuellen Gefühlserbschaften ließ ein kulturelles Phänomen erkennen. Und zwar als die Kinder - sowohl von Überlebenden der Konzentrationslager im Nationalsozialismus, als auch von Tätern - die Therapeutenzimmer aufsuchten. Sie lebten und leben Situationen, Verhaltenweisen und Gefühlszustände unbewusst nach, sie re-inszenieren die Geschichte ihrer Eltern oder Großeltern.

Aber nicht nur in Deutschland und Österreich entstanden Traumata, die über Generationen hinweg weitergegeben werden. Auch im ehemaligen Jugoslawien sind die Nachwirkungen des Krieges Generationen später spürbar.

Unbehagen, Unglück oder Glück

Freud sprach vom Unbehagen in der Gesellschaft, heute wird von Glück oder Unglück gesprochen und erforscht. Glücks- beziehungsweise Unglücksforscher unterscheiden zwischen Glück in Form von Besitz, in der Zielerreichung und dem autotelischen Glück - also die Handlung selbst als Zielsetzung begreifend.

In jedem Fall sei das Glück beziehungsweise Unglück kulturell und gesellschaftlich vorgegeben. Denn ob es der Besitz eines Autos, der berufliche Aufstieg oder das Meditieren ist, der Glücksbegriff einer einzelnen Person sei immer abhängig von der Umgebung.

Man weiß nicht, was man alles sagt

Das Alltagsgespräch wird zum Untersuchungsgegenstand, die psychoanalytische Technik zum Instrumentarium. Denn nicht nur, was man sagt und wie man es sagt, sondern auch was man nicht sagt und wie man es nicht sagt, all das kann psychoanalytisch verwertbar sein. So kann die Verbindung zwischen Psychoanalyse und Gesellschaftswissenschaften nicht nur theoretischer Natur sein, sondern auch praktisch angewandt werden.

In der Ethnopsychoanalyse etwa wird das Machtverhältnis zwischen Forschungsgegenstand und Forscher in Frage gestellt, denn Ethnopsychoanalytiker gehen davon aus, dass sie als Forscher Produkt ihrer Kultur und damit subjektiv sind. In den 70er Jahren entwickelten Paul Parin, Goldy Parin-Matthey und Fritz Morgenthaler die Zürcher Schule der Ethnopsychoanalyse.

Diese sieht vor, dass die Ethnopsychoanalytiker mit Menschen in Entwicklungsländern über ein paar Monate hinweg zusammenleben. In einstündigen Gesprächen wird - in Analogie zur Freudschen Methode - frei, offen und mit gleich schwebender Aufmerksamkeit assoziiert. Mit dieser Methode wird allerdings keine Heilung angestrebt, sondern Verständnis für fremde Kulturen. Indem der Forscher sich selbst als subjektives Wesen in kulturellem Hintergrund begreift, löst er sich von institutionellen Rahmenbedingungen.

Nicht zuletzt deshalb ist die Ethnopsychoanalyse nicht universitär eingebettet. In der Ethnopsychoanalyse ist es üblich, die Gespräche inklusive der Fragen zu veröffentlichen, was die Subjektivität des Forschers verdeutlicht und das Machtverhältnis zwischen Forscher und Forschungsgegenstand lockert.

Wie die Ethnopsychoanalyse ist auch die Psychoanalyse universitär nicht verankert. So wird die einst enge Verbindung zwischen Sozial- und Kulturwissenschaften mit der Psychoanalyse nur durch einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wieder aufgenommen.

Hör-Tipp
Dimensionen, Montag bis Freitag, 19:05 Uhr