Entwicklung des Radio-Features

Wuchteln in Stereo

Als Alfred Treiber und Richard Goll Anfang der 1970er Jahre ihre ersten Features produzierten, kam dies einer Revolution punkto Gestaltung von Radiobeiträgen gleich. Heute sind die "Hörbilder" ein fixer Bestandteil des samstäglichen Ö1 Programms.

Die erste urkundliche Erwähnung der Sendereihe "Hörbilder" findet sich bereits in den 1970er Jahren. Aber erst seit dem 10. Oktober 1981, seit genau einem Vierteljahrhundert also, ertönt jeden Samstag auf derselben Frequenz zur selben Uhrzeit dieselbe (wenn auch mittlerweile leicht modifizierte) Signation.

Erfolg - und darüber machen wir uns keine allzu großen Illusionen - ist nicht nur eine Frage der Qualität. Erfolg ist ebenso eine Frage der Kontinuität. In Summe heißt das: 1.300 Sendungen, 70.200 Sendeminuten oder, wären wir noch im analogen Zeitalter, etwa 8.000 Kilometer Band. Würden wir alle Hörbilder seit Oktober 1981 hintereinander spielen, könnten wir 50 Tage und 50 Nächte durchgehend Radio hören.

Kontrast zu verlesenen Manuskripten

Historisch gesehen handelt es sich bei der Entwicklung des österreichischen Radiofeatures um eine - nach Robert Musil - klassische "Parallelaktion". "Wir haben die Uhr erfunden, das Rad - und das Feature", sagt Alfred Treiber, heute Ö1 Programmchef. "Dummerweise", fügt er hinzu, "haben wir erst später erfahren, dass es das alles schon gibt."

Man schrieb Anfang der 1970er Jahre, als der damalige Mitarbeiter der Jugend- und Familienredaktion gemeinsam mit seinem kongenialen Partner Richard Goll tatsächlich das Feature zu erfinden meinte. Das öffentlich-rechtliche Radio in Österreich war, wie vermutlich alle öffentlich-rechtlichen Radios dieser Zeit, eine verstaubt-autoritäre Angelegenheit. Man hatte einen Schulfunk, einen Familienfunk, eine Unterhaltungsabteilung, eine Religionsabteilung, eine ernste Abteilung für Ernste Musik und natürlich einen Aktuellen Dienst. Manuskripte wurden geschrieben und verlesen, das "gewöhnliche Volk" kam kaum zu Wort.

Der Wiener Prater akustisch dokumentiert

Um der professoralen Langeweile zu entkommen, wagten sich Richard Goll und Alfred Treiber an ein Projekt, das in dieser Form im damaligen Österreichischen Rundfunk ohne Beispiel war. Ausgestattet mit einem Stereo-Aufnahmegerät - einer Technologie, die damals nur Technikern zugänglich war - trieben sie sich tage- und wochenlang im Wiener Prater herum. Sie interviewten Vergnügungssüchtige und Würstelstandbetreiber, Ringelspielbesitzer, Ausreißer, Zuhälter und Huren. Sie ließen den Wiener Prater akustisch opulent erklingen, kamen gänzlich ohne Erzähltext aus und nannten das Werk bei seiner Ursendung am 2. Februar 1973 mangels Alternative ein "Hör-Spiel".

Bald darauf wurde im damals noch jungen Österreich 1 die Sendereihe "Tag für Tag" etabliert. Einmal im Monat sollte der Alltag einer bestimmten Berufsgruppe dargestellt werden. Der Anspruch, dem Volk eine Stimme zu geben, kam freilich nicht von ungefähr. Die antiautoritäre Bewegung war noch nicht verklungen, und 1968 lag noch nicht allzu weit zurück. Nach langen Jahren des Professoren- und Expertenradios passte die Methode, die Wirklichkeit sich gleichsam selbst darstellen zu lassen, ausgezeichnet ins politische Konzept.

Traumnote 4,6

1976 wurde die Feature-Redaktion gegründet, 1977 startete die Sendereihe "Kopf-Hörer", ein mit Musik versetztes Featureformat für den Popkanal Ö3. Im Herbst 1977 gingen erstmals die "Hörbilder" auf Sendung, eine knapp einstündige Featureleiste, die zunächst monatlich, später 14-tägig gesendet wurde.

Seit Oktober 1981 laufen die "Hörbilder" - wie inzwischen hinlänglich bekannt - wöchentlich jeden Samstag um 9:05 Uhr. Heute gehören die "Hörbilder" zu den erfolgreichsten Reihen des Programms Österreich 1. In so genannten qualitativen Tests werden die Sendungen der Feature-Redaktion auf einer Skala von 1 bis 5 mit der Traumnote 4,6 bedacht, ein Wert, der nur äußerst selten überboten werden kann.

Zahlreiche Auszeichnungen

Nicht nur das Publikum stattet uns mit Vertrauen aus, auch nationale und internationale Fachjurys wissen und wussten die Qualitätsprodukte aus Österreich zu schätzen. Sendungen von Richard Goll und Alfred Treiber wurden mit dem "Prix Italia" und dem "Prix Futura" ausgezeichnet, der "Andreas-Reischek-Preis", der namhafteste österreichische Radiopreis, wurde den "Hörbildern" gleich ein halbes Dutzend Mal verliehen, und auch der "Radiopreis der Erwachsenenbildung" ging mehrfach an Autoren und Autorinnen der Feature-Redaktion.

Im Gegensatz zu vielen vergleichbaren Redaktionen der internationalen Gemeinschaft blieb die Feature-Redaktion des ORF immer klein. Die Budgets - und damit auch die Honorare - sind wesentlich niedriger als etwa die der meisten ARD-Stationen. Gelitten wird darob aber nur mäßig. Wo kein Fett ist, kann auch nicht abgespeckt werden, lautet das durchaus galgenhumorige Kredo.

Keine Dogmen mehr

Viele Features aus der Frühzeit klingen heute so, wie sie tatsächlich sind: alt. Originalton und Stereofonie alleine genügen heute nicht mehr. Zudem sind Features schon lange nicht mehr ein Monopol der Feature-Redaktion, Elemente des Features sind in praktisch allen Sendereihen von Ö1 anzutreffen.

Das Feature heute ist daher so frei wie noch nie, seine Mittel zu wählen und - je nach Thema - seine Form zu finden. Die Dogmen sind abgeschafft. Alle, mit Ausnahme von zweien: dem Anspruch auf maximale Qualität und dem Anspruch auf maximalen Erfolg im Sinne der Hörerinnen und Hörer.

Post Scriptum: Für den Fall, dass Sie jemand jemals fragen sollte: Wir haben uns nach unzähligen langwierigen Erklärungsversuchen mittlerweile angewöhnt, Features schlicht und einfach als "künstlerisch gestaltete Dokumentationen" zu bezeichnen. Das ist kurz und zutreffend obendrein.

Hör-Tipp
Hörbilder, Samstag, 7. Oktober 2006, 9:05 Uhr

Download-Tipp
Ö1 Club-DownloadabonenntInnen können die Sendung nach der Ausstrahlung 30 Tage lang im Download-Bereich herunterladen.