Unmittelbar und kompromisslos

Plündern aus Liebe

Er beflügelt Künstler aus den unterschiedlichsten Genres, Geschichten zu erzählen: Der produktive Umgang mit dem Symbol- und Referenzspiel. Aber kaum ein Komponist begibt sich so kompromisslos auf dieses Feld, wie John Oswald in seiner Plunderphonic"-Reihe.

Der produktive Umgang mit dem Symbol- und Referenzspiel, zu dem die Welt herausfordert, beflügelt Künstler aus den verschiedensten Genres und Kunstzusammenhängen, Geschichten zu erzählen. Kaum ein Komponist geht so unmittelbar und so kompromisslos auf dieses Feld zu, wie John Oswald in seinen Stücken der "Plunderphonic"-Reihe. Es geht in seinen zum Teil in Sekundenbruchteilen collagierten Stücken aus Stücken anderer Komponisten um avancierte Übertragungstechniken und es geht um das Desiderat - das Fehlende und zugleich Ersehnte - des Realen in Form von Wiedererkennbarkeit:

"Meine Definition von Plunderphonics ist, dass es um Musik geht, die auf irgendeine Art wieder erkennbar sein muss, und eben die Transformation dieser Musik. Ich glaube sogar, die erfolgreichsten Plunderphonics-Stücke verwenden Musik, die am besten wiederzuerkennen ist. Es macht daher mehr Sinn und mehr Spaß, mit Musik dieser Pop-Figuren zu arbeiten, und damit meine ich auch Beethoven. Aber am interessantesten fand ich dann doch Sachen wie Bing Crosby. Wenn man das jemandem vorspielt, der von nichts aus dem 20. Jahrhundert als von Pop-Mainstream eine Ahnung hat, erzielt man immer noch interessante Wirkungen beim Hörer. Schön ist eben, dass ich mit Plunderphonics eine Brücke schlagen kann zwischen Bereichen, die sonst ghettoisiert sind, letztlich zwischen extremen Avantgarde-Techniken des 20. Jahrhunderts und Popmusik. Sie koexistieren plötzlich", erzählt John Oswald im Interview.

Umdeutung als Geschichte

Sounds aus früheren Lebenszusammenhängen des Hörers bekommen aber nicht einfach eine neue Bedeutung zugewiesen, um eine weitere Geschichte zu erzählen, sondern genau dieses Umdeuten selbst wird zur erzählten Geschichte.

"Auf der CD Plexure stammt das Ausgangsmaterial aus der Compact Disc Ära zwischen 1982 und 1992. Das Material kommt aus den jeweils zu einem bestimmten Zeitpunkt am populärsten gewesenen Stücken, ich mußte also erst recherchieren, Pop-Charts in den verschiedensten westlichen Ländern auswerten, und versuchte so viel wie möglich von all diesem Zeug auch zu bekommen, aus Plattengeschäften, Second-Hand-Läden oder Radioarchiven. Die Absicht für die Struktur meines Stücks war dann, alles immer genau an der Schwelle zur Wiedererkennbarkeit zu halten, und das bei einer wirklich riesigen Menge an Quellmaterial, mehrere tausend verschiedene Songs", so Oswald in einem Interview mit Brian Duguit.

Differenzproduktion

Bezeichnenderweise gibt es in den Massenmedien der Popwelt schon seit Jahrzehnten Wettbewerbe, die genau mit dieser Kraft dieser Musik spielen: Im Radio werden nur wenige Sekunden, manchmal auch hier nur Sekundenbruchteile eines Songs gespielt und der schnellste Anrufer, der aus diesem einen Baßton, diesem angespielten Gitarrenakkord, dieser einen charakteristisch gesungenen Silbe die Band und den Song erkennt, gewinnt.

John Oswald bedient sich derselben dem Ausgangsmaterial innewohnenden Kraft, um in seiner künstlerischen Transformation dann wegzugehen vom simplen Vergnügen des Wiedererkennens zum komplexen der Differenzproduktion, aus Anspielungen neue und relevante Geschichten erzählen zu können.

Suche nach Essenz im Ausgangsmaterial

Eliminieren von allem redundant Erscheinenden bis hin zum Hochkonzentrat war in vielen Plunderphonics-Stücken die Strategie John Oswalds. Als er die Platte "Torture Garden" von John Zorns Band "Naked City" bearbeiten sollte, reagierte auf das von dieser Band auch im live-Spiel gepflegte furios schnelle, nahezu collagierende Wechseln der Ebenen und Stile mit einer diese Charakteristik ins Aberwitzige übersteigernden Bearbeitung und komprimierte die ganze CD zu einem 15 Sekunden langen Stück namens Z. Es sei eigentlich eine Art Trailer für die Band geworden, meinte John Oswald nachher.

Genau diese Suche nach der Essenz im Ausgangsmaterial veranlasste ihn aber bei einem anderen Auftrag zur genau komplementären Vorgangsweise. Die legendäre Rockband The Grateful Dead, bekannt für die genre-untypischen Ausuferungen der Live-Versionen ihrer Songs, lud John Oswald ein, aus ihrem Bandarchiv von Live-Mitschnitten ein neues Stück zu komponieren. "Dauer ist das Entscheidende. Als ich auf das Material aus dem Grateful Dead Archiv reagierte, um ein Stück zu machen, daß 'besser' ist als das Original, begann ich, das Material zu verlängern, nicht zu kürzen. Aber die Informationsdichte sollte dennoch steigen. In meiner Version gibt es viel mehr Töne und viel mehr wechselnde Verhältnisse von Binnenteilen zueinander und viel weniger wiederholte Riffs. Diese Version ihres berühmtesten Songs Dark Star ist länger als jede jemals von der Band live gespielte."

Buch-Tipp
Das Buch "Übertragung - Transfer - Metapher. Kulturtechniken, ihre Visionen und Obsessionen", herausgegeben von Sabine Sanio und Christian Scheib (Kerber Verlag, 2004), erscheint diese Woche und wird am Samstag im Grazer Kunsthaus (17:00 Uhr) im Rahmen einer Diskussion zum Thema mit den Kulturwissenschaftlern Wolfgang Ernst und Andrea Allerkamp präsentiert.

Links
plunderphonics
musikprotokoll 2004