Mythen, Muster, Missverständnisse

Die digitalen Träumerinnen der 1980er sind erwachsen geworden, haben ausgeträumt. Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Zumindest im Cyberspace. Wir halten am besten an unseren Vorstellungen fest, dann kann nichts passieren. Oder etwa nicht?

Wer wir werden und durch wen wir das geworden sind, was wir sind, hängt von der Gesellschaft ab, in der wir uns bewegen. Die digitalen Medien haben die Gesellschaft nachhaltig verändert. Das ist nichts Neues.

Sobald eine neue Technologie oder ein neues Medium eingeführt wird, verändert sich die Wirklichkeitswahrnehmung um ein neues Verständnis der Wahrnehmung zu erzeugen. Doch das geht nicht so schnell, wie uns das die neuen Medien weis machen wollen. Die Zeiten haben sich seit Einführung des Films nicht wirklich verändert. Die Formulierungen haben sich seit dem Beginn der bewegten Bilder nicht wirklich verändert. Die Annahme, dass der virtuelle Mensch im Computer weiterlebt, ist nach wie vor nicht widerlegt.

Wie ein kindliches Trauma halten sich solche Mythen sehr lange, um das, was neu ist, von den alten Mustern überhaupt abtrennen zu können, so die Medienwissenschafterin Claudia Reiche. Sie beschäftigt sich in ihrer Arbeit - künstlerisch und wissenschaftlich - mit dem Spannungsfeld der Mythen und Missverständnisse der digitalen Medien.

Digitale Szene

Wie auf einer Theaterbühne erscheinen neue technische Möglichkeiten im Blickfeld, im Fall der Medien ist diese Bühne dann die digitale Szene. Um den Mythen auf den Grund zu gehen, muss man hinter die Bühne gehen. Dort trifft man auf die Rüstungsmaschinerie und das US-amerikanische Verteidigungsministerium, das bei technologischen Entwicklungen schon seit jeher eine Vorreiterrolle hat. Die USA geben für Rüstung und Forschung mehr aus als alle anderen Staaten zusammen. Nicht zuletzt das Internet, GPS und Mobiltelefonie haben ihre Ursprünge in der US-amerikanischen Militärschmiede.

Die Telerobotik, die heute im Bereich des Gesundheitswesens hoch gelobt wird, wurde ursprünglich für die verwundeten Soldaten der Schlachtfelder entwickelt. Im Krisengebiet braucht es lediglich eine blonde Krankenschwester - so sieht es das US-amerikanische Militär - um den Slave zu bedienen, während irgendwo auf sicherem Boden der ausgebildete Chirurg über den Master mit einer Operation den verwundeten (afroamerikanischen) Soldaten rettet.

Zeichen der Zeit

Die kulturelle Umnutzung von Technologie hat der zivilen Bevölkerung (un)umstrittenen Nutzen gebracht, doch sich der Wurzeln bewusst zu sein, das erscheint Claudia Reiche als unumgänglich: "Es geht darum, etwas bewusst wahrnehmen zu können, ein Wissen parat zu haben, das einem einen Handlungs- und Urteilsraum eröffnet, sobald neue, hippe Gadgets der IT-Industrie auf den Markt kommen. Welchen Ursprung hat das? Aus welchem militärischen Zusammenhang kommt das?"

Nicht immer alles zu glauben, was uns die Werbung und die Medien verkaufen, sondern jeder und jede ist aufgefordert den eigenen Kopf einzusetzen, fordert die Wissenschafterin. E-Learning wäre eine gute Waffe, um alte Denkmuster aufzubrechen, so Claudia Reiche.

"Kommunikation ist mehr als die militärische Informations- oder Kommandoebene. Kommunikation, und hier besonders der Bereich des eLearning, kann für die Schaffung von Kritikfähigkeit und Urteilsvermögen herangezogen werden. Sich das bewusst zu machen und zum Teil auch gegen die technischen Möglichkeiten auch inhaltlich zu arbeiten, das wäre mein Plädoyer, wäre ich zu einem solchen aufgefordert.“

Hör-Tipp
Matrix, Sonntag, 6. Mai 2007, 22:30 Uhr

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