Bálint András Varga

Über drei Jahrzehnte lang schon steht das zeitgenössische Komponieren im Zentrum seiner Arbeit, doch er ist kein Komponist. Er ist Beobachtender und Zuhörender, motivierend Unterstützender, interessiert Fragender, Förderer: Bálint András Varga.

Varga über seine Anfänge als Publizist

Es war eine sehr spezielle Überraschung, die den Tag seiner Pensionierung zu einem der schönsten seines Lebens werden ließ. Ein knappes Dutzend Komponisten, darunter einige der international prominentesten Namen in Sachen Neuer Musik - beispielsweise Arvo Pärt oder auch György Kurtag - hatten ihm zu diesem Anlass Werke gewidmet.

Das Überraschungskonzert mit den Uraufführungen dieser Stücke fand am 29.November 2007 im Steinernen Saal des Wiener Musikvereins statt, das Wiener Klaviertrio spielte ein "Konzert für Balint Andras Varga". Dieses für einen eigentlich eher privaten Anlass entwickelte Konzertprogramm entpuppte sich dabei als so vielfältig und interessant, dass die "Zeit-Ton"-Redaktion sich eine Wiederholung fürs Radio wünschte. Und so kam das Wiener Klaviertrio vor einigen Tagen ins Funkhaus, um die Triominiaturen exklusiv für diese Sendereihe einzuspielen.

Wer ist eigentlich Bálint András Varga?

Begonnen hat Vargas intensive auch berufliche Beschäftigung mit zeitgenössischer Musik im Jahr 1971. Damals war er 30.

Er hatte Russisch und Englisch studiert, nachdem er einsehen hatte müssen, dass ein erstrebtes Pianisten-Dasein aufgrund seines chronischen Lampenfiebers nicht das Richtige für ihn sein würde. Und er war einige Jahre lang in der englischen Abteilung des ungarischen Rundfunks tätig gewesen.

Interessierter Fragender

"Ich hatte eigentlich keine Ahnung von Neuer Musik", stellt Bálint András Varga im Rückblick fest. Diese Erkenntnis machte ihn allerdings zum Fragenden, zum Zuhörer.

Varga führte unzählige Gespräche mit Komponisten, die ihn dem Subjekt seiner beruflichen Aufgabe immer näher brachten, und die zum Teil auch in Buchform erschienen sind.

Musikverlag Edition Musica Budapest
Die Aufgabe, die Balint Andras Varga 1971 übernahm und 19 Jahre lang ausübte, war die Leitung der Promotion-Abteilung des Musikverlags Edition Musica Budapest, er sollte also die zeitgenössische, ungarische Musik promoten - auch im Ausland, im Westen. Und das zu einer Zeit, als das Reisen alles andere als eine Selbstverständlichkeit war.

Ab 1971 war Varga Leiter der Promotion-Abteilung des Musikverlags Edition Musica Budapest. Und 20 Jahre später - 1991, nach einem Jahr am ungarischen Kulturinstitut in Berlin - übersiedelte er nach Wien und war hier bis zu seiner Pensionierung vor ein paar Monaten für den Verlag Universal Edition Wien tätig.

Ein unpolitischer Mensch
Das Leben in einem kommunistischen System hat Spuren hinterlassen, weil ihm Politik, das restriktive System, zutiefst zuwider war, wurde er zu einem unpolitischen Menschen. Er widmete sich ganz der Musik.

Sein Bruder war 1956 nach Australien geflohen, Varga blieb in Ungarn; obwohl er durch seine Reise sicher Möglichkeiten gehabt hätte, sich abzusetzen. Er wollte damals seine Eltern nicht alleine zurück lassen, und später auch seinen Chef, den er sehr mochte, der seine Arbeit förderte, nicht schaden. Er blieb bis nach der Wende und versuchte 19 Jahre lang, den ungarischen Komponisten Gehör zu verschaffen.

Kurtags erstes Interview
Für György Kurtág hat sich Bálint András Varga besonders eingesetzt, Varga war es auch, der dem scheuen Komponisten im Jahr 1982 sein erstes Interview entlocken konnte. Und zwar im Rahmen eines sehr interessanten Buchprojektes.

Drei Fragen stellte Varga damals - und 82 Komponisten antworteten, von Cage bis Ligeti, von Rihm bis Dutilleux, von Kurtag bis Feldman, von Nono bis Hosokawa.

Ein paar der befragten Komponisten - wie Lachenmann und Kurtag - konfrontierte er in den 1990er Jahren noch einmal mit den damaligen Antworten und erweiterte das Projekt. Zum Nachlesen gibt es einen Teil der so entstandenen Interviews und Statements auch in einem von der Berliner Akademie der Künste im Jahr 2006 herausgegebenen Buch.

Konsulent für die Universal Edition
Varga ist seit bald vier Jahrzehnten ganz nahe dran, an der Neuen Musik. Ab 1991 war er bei der Universal Edition in Wien angestellt, auch jetzt in seiner Pension ist er noch als Konsulent für den Verlag tätig.

Der Berliner Akademie der Künste, dessen Musikarchiv von Werner Grünzweig geleitet wird, hat Varga einer Großteil seiner Sammlung anvertraut - Autographen, Notizen, Briefe, Interviews, Dokumente - Dinge, die sich im Laufe der Jahrzehnte eines Lebens mit Neuer Musik angesammelt haben.

Konzert für B.A.V.

Beim erwähnten Konzert für Bálint András Varga spielte das Wiener Klaviertrio Miniaturen von Johannes Maria Staud, Friedrich Cerha, Cristobal Halffter, Harrison Birtwhistle, David Sawer, Jay Schwartz, Arvo Pärt, Mauricio Sotelo, Georg Friedrich Haas und György Kurtag. Ein Programm mit zehn verschiedenen Positionen in der Kunst der kurzen Form, des prägnanten, punktgenauen Formulierens.

Für die Musiker Wolfgang Redik, Matthias Gredler und Stefan Mendl war es außerdem eine seltene Gelegenheit mit so vielen, sehr unterschiedlichen Komponisten unserer Zeit näher zusammenzuarbeiten. Einige der Stücke wurden in der Zwischenzeit von den Komponisten schon erweitert und haben auch Eingang gefunden in das Programm des Konzertzyklus, den das Wiener Klaviertrio in dieser Saison im Mozartsaal des Wiener Konzerthauses absolvieren wird.

Hör-Tipp
Zeit-Ton, Montag, 22. September 2008, 23:05 Uhr

Buch-Tipp
"Die Sammlung Bálint András Varga", Werner Grünzweig (Hg.), Akademie der Künste, Wolke Verlag

Links
Wiener Konzerthaus - Zyklen
Wiener Klaviertrio

Übersicht

  • Zeit-Ton Zeit-Reise