Armin Medosch über "Imaginary Futures"
Die imaginäre Zukunft - Teil 3
In den 1960er Jahren wurde in den USA die Theorie erschaffen, dass sozialer Wandel ein direktes Resultat des "Impakts" neuer Technologien ist. Die Menschen hätten dabei keinen Einfluss auf die Gestaltung und müssten sich den Entwicklungen anpassen.
8. April 2017, 21:58
Zur Zeit des Kalten Krieges sahen sich viele Linke in den USA, so Barbrooks These in seinem neuen Buch "Imaginary Futures", vor die Wahl gestellt, sich für einen der Machtblöcke zu entscheiden. Zwar innerlich nach wie vor sozialistisch oder sozialdemokratisch eingestellt, entschieden sich Schlüsselpersonen wie Daniel Bell oder Walt Rostow für die Allianz mit der Machtelite der USA.
Ihr Wissen über den Marxismus machte sie ideal geeignet, eine un-marxistische, also gereinigte Version des Marxismus zu entwerfen, mit der sich die Führungsschicht der USA anfreunden konnte, erklärt. Sie entwarfen eine Theorie, in der die neuen Medien die wichtigste Kraft für gesellschaftlichen Fortschritt bilden. Technologie und Gesellschaft werden als grundsätzlich getrennt verstanden und die neuen Technologien wie zum Beispiel das Internet treffen von außen her auf eine Gesellschaft, die nun wie eine Billardkugel herumgestoßen wird. Der soziale Wandel ist direktes Resultat des 'Impakts' der neuen Technologien.
Anhand der Weltausstellung 1964 beschreibt Barbrook, wie diese "zukunftsweisenden" Technologien verklärt und fetischisiert werden. Die Macher der Weltausstellung plazierten in deren Zentrum von US-Großunternehmen produzierte Ausstellungsstücke über nukleare Energie, Computer und künstliche Intelligenz und Raketen. Dabei wurde das Kunststück zuwege gebracht, diesen militaristischen Technologien ein friedfertiges Antlitz zu geben und sie als Meilensteine Amerikas am Weg in die Modernität zu feiern.
Kerntechnologie und Raketen würden nicht dazu dienen, Atombomben auf die Städte der Warschauer-Paktstaaten herunterregnen zu lassen, sondern, ganz im Gegenteil, der bemannten Raumfahrt und dazu, Energie zu erzeugen, die zu billig sein würde, um ihren Verbrauch abzurechnen. Das Kernstück der Ausstellung bildete jedoch ein in einem futuristischen Pavillon gezeigter Supercomputer, der in audiovisuellen Präsentationen als Meilenstein am Weg zur künstlichen Intelligenz präsentiert wurde.
In dieser technischen Zukunftsvision, die manchmal ans absurd Witzige grenzt, werden Roboter die Hausarbeit erledigen, Menschen zum Urlaub auf den Mars fliegen und denkende Computer die Produktion und den Warenkreislauf perfekt organisieren. Kein Wort davon, dass die IBM-Computer der damaligen Zeit praktisch ausschließlich mit Hilfe gewaltiger Verteidigungsbudgets entwickelt wurden, um im vollautomatischen Krieg der Zukunft die nuklearen Interkontinentalraketen der UdSSR abzuwehren und die eigenen Bomber ans Ziel zu führen.
Dieses Vertrauen in die technologische Überlegenheit in der Kriegsführung verleitete den ehemaligen revolutionären Marxisten Walt Rostow zum Schreibtischtäter zu werden als er von Lyndon Johnson zum Sicherheitsberater gemacht wurde. Als US-Präsident Johnson eher unfreiwillig von den Falken in den eigenen Reihen in einen imperialistischen Krieg mit Nord-Vietnam getrieben wurde, entwickelten Rostow und Verteidigungsminister McNamarra eine High-Tech-Strategie in der Kriegsführung, die, so nebenbei bemerkt, die Auftragsbücher der Waffenindustrie füllte und den Universitäten zahlreiche Forschungsaufträge bescherte (eine Situation nicht unähnlich der heutigen, die Barbrook als "militaristischen Keynisianismus" bezeichnet).
Ausführlich beschreibt Barbrook, wie die kybernetischen computergestützten Methoden Rostows 'bewiesen', dass der Krieg gewonnen wurde, während er eigentlich verloren ging. Getötete Nord-Vietnamesische Soldaten wurden zu reinem Zahlenfutter in statistischen Computersimulationen über den Kriegsausgang. Etwa zur gleichen Zeit wurde Daniel Bell als Leiter der Kommission für das Jahr 2000 eingesetzt, die, so Barbrook, eine anti-kommunistische und Un-McLuhanistische Zukunft formulierte, deren wichtigste Parameter durch die neuen Medien-Technologien gesetzt werden sollten, die zur selben Zeit unter Leitung von J.R.C Licklider in den von der ARPA gesponserten neuen Labors ersonnen wurden, was auf lange Sicht zur Erfindung des Internet führen sollte.
Es brauchte nicht erst die Opfer des Irak-Krieges und die Leiden der irakischen Zivilbevölkerung, um eindringlich in Erinnerung zu rufen, dass trotz Vietnam derselbe technologische Hochmut in Gestalt der Bush-Regierung im allgemeinen und des diabolischen Ex-Verteidigungsministers Rumsfeld im besonderen in jüngster Vergangenheit wieder die Politik bestimmen konnte, wobei es auch kein Zufall sein kann, dass viele der für die Irak-Strategie einst so einflussreichen so genannten Neo-Cons ehemalige Linke sind, genauso wie Rostow und Bell.
Barbrook's Analyse ist da goldrichtig, wo er den rhetorischen Flachschwall der grassierenden Informations-Ideologie nicht nur als solchen entlarvt sondern ihren tieferen ideologisch-politischen Gehalt vermittelt. Mit seiner Analyse öffnet er uns die Augen dafür, warum es möglich ist, dass der Rahmen der heutigen Diskussion nach wie vor aus einer Zeit stammt, deren damalige Parameter sich eigentlich völlig überlebt haben.
Barbrook liegt auch da richtig, wo er sowohl die Befürworter als auch die Gegner der High-Tech-Zukunft dafür kritisiert, im Grunde demselben technologischen Determinismus aufzusitzen. Sein Buch wird problematisch dort, wo er zuviel Gewicht auf die Schriften und Machenschaften einiger Kalter-Kriegs-Linker legt, die, wie der Schriftsteller und gemeinsame Freund John Barker anmerkte, für die wirklichen Machthaber auch nur entbehrliche nützliche Idioten waren.
Trotz dieser (einzigen) Schwäche ist "Imaginary Futures" ein nicht nur lesenswertes sondern auch sprachlich und stilistisch sehr lesbares und extrem dicht recherchiertes Buch. Als Historiker, der Barbrook nun einmal ist, verlässt er sich nicht auf Sekundärmaterialien und liefert mit den zahlreichen Fußnoten eine Fülle von Hinweisen zum eigenen Weiterstudium eines höchst zeitgemäßen und wichtigen Themas.
Armin Medosch arbeitet im Bereich digitaler und vernetzter Kunst und Kultur als Autor, Künstler und Kurator.
Buch-Tipp
Richard Barbrook, "Imaginary Futures", Pluto Press
