Domingo singt Händel

Das Jahr des "Tamerlano"

Die Opern von Georg Friedrich Händel sind längst selbstverständlicher Bestandteil der Spielpläne an großen europäischen Opernhäusern geworden. In Madrid wird im März Placido Domingo erstmals eine komplette Händel-Partie singen.

"Ariodante" und "Tamerlano" an der Bayerischen Staatsoper, "Orlando" und "Rinaldo" am Opernhaus Zürich, "Belshazzar" szenisch an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin, "Alcina" an der Opéra National de Paris, im alten Palais Garnier...

Auch wenn es schon stärkere Saisonen für die Opern (und auf die Bühne gebrachte Oratorien) von Georg Friedrich Händel gegeben hat als 2007/8: Händel ist längst selbstverständlicher Bestandteil der Spielpläne an großen europäischen Opernhäusern geworden.

Ein Paris-Import im Wiener Konzerthaus

Die Aufführung von Händels "Alcina" im Wiener Konzerthaus Anfang Dezember war zum Beispiel ein "Ableger" einer szenischen Produktion, die in Paris in der Regie des auch in Wien und Salzburg bekannten Robert Carsen kurz davor Premiere gehabt hatte, im Palais Garnier, dem historisch-plüschigen alten Opernhaus der Stadt, und unter der musikalischen Leitung des Geigers und Vivaldi-Spezialisten Jean-Christophe Spinosi.

Vesselina Kasarova, Sonia Prina, Inga Kalna - die Solistinnen am Wiener Konzertpodium standen alle in Paris auf der Bühne, in Händels Zauberoper von 1735, bei deren Londoner Uraufführung weder an Kulissenspektakel noch an Ballett-Einlagen gespart wurde.

René Jacobs' Händel-Aktivitäten

Bar allen Zaubers war die Inszenierung, die im letzten Frühjahr Händels "Giulio Cesare" im Theater an der Wien zuteil wurde: Die Gefühle der Handelnden zu sezieren und das Figurenkarussell in kaltem Licht nie still stehen zu lassen, das waren die Anliegen des Regisseurs Christoph Loy, René Jacobs lieferte dazu stoisch die musikalische Basis ab. Wird es dem Werk besser ergehen, wenn Jacobs im Februar 2008 mit dem Freiburger Barockorchester für "Julius Cäsar" an die Nederlandse Opera nach Amsterdam kommt?

Karl-Ernst und Ursel Hermann bürgen für durchdachte, aber pittoreske Theatralik, die Besetzung - mit Lawrence Zazzo, Charlotte Hellekant, Sandrine Piau, Anna Bonitatibus - "passt". Im Juni hängt Jacobs dann an der Berliner Staatsoper Unter den Linden, wo er das Gebiet der Alten Musik betreut, noch die szenische Aufführung des englischen Händel-Oratoriums "Belshazzar" an. Das Festival Aix-en-Provence und die Innsbrucker Festwochen koproduzieren, werden "Belshazzar" in Christof-Nel-Regie also bald nachspielen.

"Tamerlano" in Madrid und Washington

In der britischen Hauptstadt hält man Händel-Fans heuer kurz: Weder das Royal Opera House Covent Garden noch die English National Opera bieten Neuproduktionen. Umso mehr fällt das Vertrauen in die Zugkraft auch selten gespielter Händel-Opern auf, das die Opernhäuser auf der iberischen Halbinsel entwickelt haben.

In Madrid bürgt im März Paul McCreesh als musikalischer Leiter eines neu auf die Bühne gebrachten "Tamerlano" für "Originalklang" aus dem Orchestergraben, und Placido Domingo, der mit dem Bajazet zum ersten Mal eine komplette Händel-Partie singt, ist in ein mit dem Stil vertrautes Ensemble mit Monica Bacelli und Sara Mingardo an der Spitze integriert. Wenige Wochen später bringt auch die von Domingo geleitete Washington National Opera ihre "Tamerlano"-Premiere, selbstverständlich ebenfalls mit "Placidissimo", aber einem Countertenor statt der in Madrid gewählten Mezzosopranistin in der Titelrolle: David Daniels.

Händel-Hochburg Bayerische Staatsoper

Und die Bayerische Staatsoper, in der Ära von Intendant Peter Jonas "die" kontinental-europäische Händel-Hochburg? Mit Kent Nagano als Musikchef des Hauses hat sich die Händel-Manie zwar etwas abgekühlt, aber David Daniels kommt doch auch 2008 für eine Händel-Premiere nach München. Es ist - Überraschung! - "Tamerlano".

Münchens Alte-Musik-Maestro Ivor Bolton dirigiert, Pierre Audi, Intendant an der Nederlandse Opera Amsterdam, inszeniert, es handelt sich also auch dabei um ein theatralisches "joint venture". Wer es nicht bis zur Münchner "Tamerlano"-Premiere im März aushält, wird an der Bayerischen Staatsoper gleich im Jänner mit Reprisen von "Ariodante" versorgt. Auf der Bühne dabei: die Mezzo- und Alt-Stars der Pariser und Wiener "Alcina"-Aufführungen: Vesselina Kasarova und Sonia Prina.