Jeder sah Finanzkrise kommen
Erwin Wagenhofer im Interview
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8. April 2017, 21:58
Mit "We Feed the World" schaffte der Wiener Filmemacher Erwin Wagenhofer vor drei Jahren den Durchbruch, nicht nur in Österreich, sondern europaweit, und bewies, dass Dokumentarfilme mindestens so spannend sein können wir packende Thriller. Nun hat der 47-Jährige nochmals nachgelegt: Bei der Viennale erlebt "Let's Make Money" seine Uraufführung. Die Austria Presse Agentur sprach mit Wagenhofer über Gier, Investmentideen und Einzelkämpfertum.
APA: Herr Wagenhofer, war die Krise für Sie bereits absehbar, als Sie sich vor drei Jahren ans Werk machten?
Wagenhofer: Mit dieser Fragestellung bin ich in diesen Tagen immer wieder konfrontiert worden, und je öfter sie gestellt wird, umso mehr verwundert sie mich. Wir haben in diesen drei Jahren im Zuge unserer Recherchen wirklich niemanden aus der Finanz- oder Wirtschaftswelt getroffen, der nicht diese Krise vorhergesagt hätte. Zwar konnte niemand genau sagen, wann und wie sie uns treffen wird, aber es war kein Experte dabei, der nicht von der drohenden Krise in irgendeiner Form gesprochen hätte. Das macht ja solche Krisen so 'delikat', dass sie alle kommen sehen, aber nichts dagegen unternommen wird. Und warum nicht? Weil alle wissen, dass ohnehin die Allgemeinheit - also wir alle - dafür bezahlen werden. Und in der Zwischenzeit versuchen die Wissenden, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen.
Ist das Investment-Business so wie es ist, weil wir alle zu gierig geworden sind, oder ist es die brutale Geschäftemacherei von nur wenigen Haien?
Gerade was das Geld betrifft, so kenne ich fast niemanden, der sich nicht von irgendeinem Bankangestellten dazu hat überreden lassen, doch jene Anlageform zu wählen, die ein wenig mehr Ertrag verspricht. Wir denken nicht darüber nach, was dann passieren muss, damit sich dieser Ertrag auch wirklich einstellt. Wir denken nicht darüber nach, wo unsere günstige Kleidung oder unser billiges Essen herkommen und warum Tausende und Abertausende Menschen aus Afrika über das Mittelmeer nach Europa kommen wollen und viele dabei jämmerlich zugrunde gehen. Es interessiert uns einen Dreck, dass wir eigentlich die Ursache für diese Verbrechen sind. Aber selbst dieser Umstand wird dann noch dafür genutzt, politisches Kapital daraus zu schlagen. Na gut, jetzt haben wir den Salat, und ein Drittel der Wähler ist nach rechts gerückt, dafür sind aber eben wir alle verantwortlich.
Wie in 'We Feed the World' fällt auf, dass Sie freiwillig auf bewährte dokumentarische Gestaltungsmittel verzichten. So gibt es keinerlei Moderation, sondern nur O-Töne, auch keinen suggestiven Soundtrack. Sie gestalten Ihre Dramaturgie im Wesentlichen allein mit Kameraführung und Schnitt. Ist das ein Markenzeichen, für das Sie sich bewusst entschieden haben oder haben Sie aus der Not eine Tugend gemacht?
Wir hatten schon gewisse Möglichkeiten - vom Budget her, über die Technik bis hin zu unseren eigenen individuellen Voraussetzungen, Talenten und Qualifikationen. Und mit diesen versuchten wir zu arbeiten und daraus einen Film zu machen. Das allein ist ja schon schwierig genug. Ich mag es, wenn sich Filme von selbst erzählen, wenn nicht noch eine Stimme aus dem Off die Lücken schließen muss, oder wenn Musik Stimmungen erzeugen muss, die beim Drehen dort gar nicht vorhanden waren, die aber eingesetzt wird, nur um einen gewissen Effekt zu erzielen. Daher ist diese von mir gewählte Methode durchaus absichtlich und mit Bedacht gewählt.
Die Kritik - weniger die filmische, sondern mehr jene aus dem neoliberalen Business-Bereich - wird Sie mit Sicherheit angreifen und Ihnen Polemik und Parteiergreifung vorwerfen. Muss ein Dokumentarfilmer tatsächlich 'ausgewogen' sein oder darf und soll er einen brisanten Standpunkt vertreten?
Natürlich darf er das. Meiner Meinung nach unterscheidet sich der sogenannte Dokumentarfilm vom sogenannten fiktionalen Film nur dadurch, dass eben die Etikette 'Dokumentarfilm' draufgeklebt worden ist. Objektiv ist im einen wie im anderen Fall nur das, was vorne an der Kamera angebracht worden ist: Eben das Objektiv, damit überhaupt ein Bild entstehen kann. Interessant ist daher am Beginn eines solchen Projektes ja nur, wofür entscheidet man sich, welche Etikette benutzt man, um einen optimalen Dialog mit den Zusehern herstellen zu können.
Sie sind als 'Einzelkämpfer' bzw. 'One-Man-Firma' bekannt geworden. War dieser Umstand für Ihre Recherchen und Ihre Filmerei hinderlich oder hilfreich?
Es ist schon eine Ironie des Schicksals, dass ein Mensch wie ich, der versucht, das Gemeinsame vor das Individuelle zu stellen, als Einzelkämpfer oder Eigenbrötler hingestellt wird. Das macht mir aber nicht soviel aus. Tatsache ist, dass ich erst im Alter von 39 Jahren meinen ersten Filmförderungsbeitrag erhalten habe und ich daher bis zu diesem Zeitpunkt lernen musste, mit so wenig materiellen Mitteln wie nur möglich Filme zu machen. So kam es, dass z.B. 'We Feed the World' mit dem kleinstmöglichen Filmteam entstanden ist, sprich: mit sage und schreibe zwei Personen. Das waren Lisa Ganser und ich. Gut, diesmal wurde das Team auf drei Personen aufgestockt, was an und für sich eine gute Idee war, aber am Ende des Marathons sind wieder nur wir zwei übrig geblieben. Eine Tatsache, die mich gar nicht glücklich macht. Aber es gibt nicht nur Nachteile wie Arbeitsbelastung und immense Verantwortung. Ein Underdog zu sein, kann auch Vorteile haben, weil man manchmal unterschätzt wird und so weiter kommt, als wenn man mit einem großen Apparat an Menschen und Material auftritt.
Haben Sie vor, mit einer weiteren Dokumentation eine Trilogie über die Mechanismen unserer Welt zu schaffen?
Nach meiner Betrachtungsweise ist dieser Kreis bzw. diese Trilogie ja bereits abgeschlossen. Vor 'We Feed the World" gab es ja 'Limes... Aktion Limes', eine Dokumentation über das Thema Grenzziehungen, die 2001 entstand und auf der Diagonale Graz gezeigt wurde. Dieser Film hatte aber eine unglückliche Länge und kam daher nicht offiziell in die Kinos, auch wenn er aus meiner Sicht ein würdiger dritter, eigentlich erster Teil dieses meines Lebensabschnittes ist.
Mehr dazu in oe1.ORF.at
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