Himmlers germanische Herrenmenschen-Kultur

Zum 70. Jahrestag des November-Pogroms, der von den Nazis so genannten "Reichskristallnacht", erschien die erste umfassende Heinrich-Himmler-Biografie. Autor: der deutsche Historiker Peter Longerich. Darin geht's nicht nur, aber auch um Kultur.

Geht's Ihnen auch manchmal so? Eher schon abends, eigentlich bereits auf dem Weg zu Bette, nehmen Sie noch schnell ein aktuelles Buch zur Hand: nur mal kurz reinschauen, ein paar Seiten lesen, einen Eindruck gewinnen, was einen da so erwartet... Und wenn Sie das nächste Mal auf die Uhr schauen, ist es acht Uhr morgens, draußen ist es hell, der neue Tag hat begonnen. Dazwischen haben Sie das Buch "verschlungen", wie man so sagt, ohne einmal auf die Idee zu kommen, dass eigentlich Schlafenszeit ist, und so eine durchlesene Nacht extrem ungesund. Mir passierte das vor ein paar Tagen mit der neuen Heinrich-Himmler-Biografie von Peter Longerich.

Heinrich Himmler war der Reichsführer-SS, Chef der Gestapo, der Hauptantreiber und Kommandeur des Holocaust. So weit, so bekannt. Peter Longerich beschreibt einprägsam die Karriere des körperlich nicht gerade "germanischen", reichlich neurotischen Sonderlings Himmler zu einem der wichtigsten Exponenten des "Dritten Reichs" und zum millionenfachen Massenmörder. Ungemein spannend die Vorgänge im innersten Führungskreis des Regimes, die Longerich schildert, das Auf und Ab der Ränkespiele und Intrigen innerhalb der NS-Führung um Macht und Einfluss. Eine seiner Thesen: Himmler trieb nicht zuletzt deshalb die "industrielle" Ermordung von sechs Millionen Juden unablässig voran, weil diese von "seiner" SS durchzuführen war, und das wiederum simpel seine, Himmlers, Position innerhalb des Regimes stärkte.

Daneben ist das Buch ein Kuriositätenkabinett sondergleichen. Der böse deutsche Satiriker Maxim Biller bezeichnete Himmler einmal als "den ersten Grünen, der es politisch zu etwas gebracht hat": Der Reichsführer-SS ernährte sich vegetarisch, predigte ein naturverbundenes Leben, trat vehement für Natur- und Umweltschutz ein. Tierquälerei hielt der Chef der Gestapo für ein Kapitalverbrechen, das er durch seine Folterpolizei gnadenlos verfolgen ließ.

Damit nicht genug: Himmler glaubte an eine Art untergegangener urgermanischer Herrenmenschen-Kultur, die es wiederzufinden gelte, und die er nach dem Endsieg wieder herstellen wollte. Dazu gehörte auch die Seelenwanderung, die er für erwiesen hielt. Und Himmler war praktizierender Spiritist: Er war der Überzeugung, es sei möglich, durch geeignete Medien mit den Seelen der Verstorbenen in Kontakt zu treten - was er auch ernsthaft versuchte.

Besonders interessierte ihn das Geheimwissen einer angeblichen, ausgestorbenen gotischen Asa-Sippe, das er durch ein Medium - einen Ex-Oberst Karl Wiligut - innerhalb der SS als "Weisthor" bekannt - zu ergründen hoffte. Himmler entsandte auch "geheimwissenschaftliche" Rechercheure bis nach Tibet, weil er meinte, dort nicht nur das legendäre Atlantis zu finden, sondern auch sonstige Reste der einer herrenmenschlichen kulturellen Verlassenschaft, zu denen Atlantis eben auch gehörte. Dass er Astrologen, Pendler und andere Wahrsager beschäftigte, ist da nur noch die Draufgabe.

Reif für den Gugelhupf, würde man in Wien jetzt sagen - wäre nicht Himmler zugleich einer der Hauptverbrecher, ja der Schlächter des Nationalsozialismus gewesen. Und dazu noch ein höchst raffinierter Intrigant und Machtpolitiker, der die immer wieder vorkommenden "Säuberungen" innerhalb des NS-Regimes nicht nur überlebte, sondern meist gestärkt aus ihnen hervorging.

Wie lässt sich Heinrich Himmlers Anteil an der Geschichte des Nationalsozialismus, an der "deutschen Katastrophe" bestimmen, fragt sich der Buchautor Longerich in seinem resümierenden Schlusskapitel. Und antwortet: Die von Himmler entwickelten Konzepte und Utopien zeigen ein destruktives Potenzial, das noch weit über die vom Nationalsozialismus tatsächlich angerichteten Katastrophen hinaus reicht. Die systematische Ermordung der Juden Europas war nicht das Endziel seiner Politik, sondern der Ausgangspunkt für umfassendere, noch blutigere Pläne.

Tatsächlich hatte Himmler offenbar die Wahnidee, seine okkulte arische Herrenmenschen-Kultur nicht nur in Deutschland oder Europa, sondern letztlich weltweit durchzusetzen.

Nun ja, wie gesagt: Das Ganze ist dermaßen obskur und verrückt und zugleich so spannend, dass man kaum davon loskommt. Zu empfehlen ist das Buch jedenfalls.

Buch-Tipp
Peter Longerich, "Heinrich Himmler. Biografie", Siedler Verlag

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