Alles neu?

Um neue Geschäftsmodelle im Netz zu etablieren, entdeckt die Computerindustrie die User. Für die Umsetzungen müssen aber teilweise neue gesetzliche Regelungen gefunden werden und der User muss respektieren, dass es auch im digitalen Leben Besitz gibt.

In Prag fand letzte Woche die EU-Konferenz Future Internet statt. Der Eintritt war gratis - zumindest einen Tag lang - und trotzdem fanden kaum Privatpersonen den Weg in das Kongress Hotel Clarion in Prag. Was sich User vom Netz erwarten, wurde daher nur mit Hilfe von Zahlenmaterial und Annahmen präsentiert.

User, glaubt man der Musikindustrie und der französischen Regierung, wollen nur das eine: stehlen. Nur, dieses Pauschalurteil überzeugt heute noch weniger als vor ein paar Jahren. Die Europäischen Parlamentarier verhinderten vor kurzem die Durchsetzung einer Regelung im Telekommunikationspaket, die vorsah, dass Usern nach dreimaliger Verwarnung wegen Urheberrechtsverletzung die Verbindung zum Internet gesperrt wird.

Ein Marketingfehler als Ursache des Musikproblems

Aber auch so manche Teile der Industrie sehen das Verhalten der Musikindustrie heute ein wenig differenzierter. Xavier Larduinat leitet die Abteilung für "strategisches Marketing" der Firma Gemaldo, die Sicherheitslösungen für das Leben im Netz anbietet. Für ihn sind Universal, Sony & Co selbst Teil des Problems.

"Es war ein Marketingfehler, der diese Industrie dazu gebracht hat sich zu weigern, ihre Musik auch digital zu verkaufen. Die Menschen suchten im Netz nach Musik, aber alles was sie fanden, waren Gratis-Angebote. Die Musikbranche hat diese Situation selbst herbeigeführt und sollte jetzt die Schuld dafür nicht nur bei den Anderen suchen."

"Industrie kreierte eine Art Hungersnot"

Die Musikindustrie hat laut Larduinat mit ihrer Ignoranz gegenüber dem Internet künstlich eine Situation des Mangels herbeigeführt. Ihr Vorschlag zur Lösung ihres eigenen Problems würde bedeuten, dass allein in Frankreich 16 Millionen Menschen kriminalisiert und wegen illegaler Downloads hinter Gitter wandern.

"16 Millionen Kriminelle bei 60 Millionen Einwohnern bedeutet, jeder Vierte ist kriminell. Das heißt, wir haben ein Problem", sagt Larduinat. "Ich hörte einmal eine Vortrag, in dem der Sprecher darauf hinwies, dass in der Geschichte der Menschheit die Anzahl der Kriminellen nur zu Hungerszeiten derartig groß war. Die Industrie kreierte eine Art Hungersnot: Die Menschen kauften IPods und die Musikbranche reagierte darauf, indem sie neue CDs herausbrachte. Selbst wenn ich vor fünf Jahren versuchte, legal zu handeln, es gab keinen Ort, an dem ich Musik legal für mein Gerät kaufen konnte. Wenn ich nur die Chance habe, Essen zu stehlen, dann werde ich zum Dieb. Wenn ich hingegen Essen zu einem vernünftigen Preis kaufen kann, dann kaufe ich es. Aber wenn meine einzige Chance zu essen darin besteht, zu stehlen, dann garantiere ich ihnen, dann werde ich das auch tun."

Besitz muss auch im digitalen Leben respektiert werden

Xavier Larduinat nützt derartige Argumente durchaus mit Absicht, denn das Verhalten der Musikindustrie wirkt sich mittlerweile auf die Interessen der Computerindustrie kontraproduktiv aus. Das Internet, so ein Slogan in Prag, sei der einzige Wirtschaftsplatz der Zukunft.

Wenn dort jedoch potenzielle Kunden pauschal als Kriminelle bezeichnet werden, von der Musikindustrie und von einzelnen Regierungen, dann sei das schlecht fürs Geschäft. Ein Gesetzt zu verabschieden, das ein derartiges Vorurteil festschreibt, nützt nur jener Industrie, die sich standhaft weigert, ihre alten Geschäftsmodelle zu überdenken.

Neue gesetzliche Regelungen fordert auch Larduinat, nur will er darüber nicht mehr im Zusammenhang mit der Musikindustrie diskutieren. Man müsse vielmehr den Usern beibringen, dass im digitalen Leben der Besitz genauso respektiert wird wie in der physischen Welt.

Hör-Tipp
Matrix, Sonntag, 24. Mai 2009, 22:30 Uhr

Link
Future of the Internet Conference

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