Ritteroper, klischeefrei, Wagner-fern

Carl Reinthalers "Käthchen von Heilbronn"

Eine Entdeckung aus der deutschen Opern-Vergangenheit: Mit Erfolg hat das Theater Erfurt in der letzten Saison "Das Käthchen von Heilbronn" von Carl Reinthaler, dem seinerzeit die Uraufführung des "Deutschen Requiems" von Brahms zu danken war, ausgegraben.

"Käthchen von Heilbronn"

Wie konnte nicht wagnernde deutsche Oper zu einer Zeit klingen, in der Wagner am "Parsifal" arbeitete? So wie Carl Reinthalers "Käthchen von Heilbronn", meint der Dirigent Samuel Bächli, der in der Spielzeit 2008/9 am Theater Erfurt die erste Aufführung des Werkes nach 117 Jahren geleitet hat: "Es sind keine abgründigen Paradiese wie oft bei Wagner, aber es ist eine reiche, prächtige Welt voller gesanglicher Melodien und leuchtender Orchesterfarben. Da hat einer gesungen und den rechten Ton getroffen."

Nach Heinrich von Kleists Tod kam sein Schauspiel "Das Käthchen von Heilbronn" lange nur in Bearbeitungen auf die Bühne, die Krasses entschärften, etwa dass der Körper der Käthchen-Gegenspielerin Kunigunde aus Prothesen zusammengesetzt ist. Im Kleist-Jahr 1876 rückte der Originaltext wieder in den Mittelpunkt des Interesses, und weckte die Neugier des Bremer Domkantors und Leiters des Bremer Domchores Carl Reinthaler. Die Opern-Tauglichkeit des Kleist'schen Sprechstücks hatten vor ihm bereits andere erprobt. Aus der Vorlage dieser Ritter- und Fräulein-Geschichte hochromantische Funken zu schlagen, blieb Reinthaler vorbehalten - und seinem Textautor Heinrich Bulthaupt, der als Verfasser einer "Dramaturgie der Oper" theoretisches Vorwissen einbrachte.

Herausgekommen ist eine große vieraktige Oper mit vor allem zwei effektvollen, geschickt kontrastierten Sopranpartien - ob das mädchenhafte Käthchen oder die wüste, dramatischer angelegte Kunigunde die Hauptfigur ist, darüber lässt sich streiten - und einem vielbeschäftigten gräflichen Tenor zwischen Heldenmut und schmachtenden Duetten (mit beiden Sopranen). Eine Oper, in der die Männerchöre aufbrausen, die Fanfaren schmettern dürfen, die aber trotzdem keine musikalischen Klischees bedient. Ein wenig wie Robert Schumanns "Genoveva" plus "Theaterprake". Wieso hat man einen Musiker, der solches zustande brachte, bisher als Opernkomponisten nicht gekannt?

Ein Komponistenleben in Bremen

Carl (Martin) Reinthaler, der 1868 die Uraufführung des "Deutschen Requiems" von Johannes Brahms im Bremer Dom ermöglichte und das Werk in Bremen auch einstudierte, hat eine würdige Karriere in einer einzigen Stadt gemacht, denn Bremer Domorganist, gleichzeitig Leiter der Singakademie und der "Privat-Concerte" war er bereits seit 1858.

Geboren wurde Carl Reinthaler 1822 in Erfurt. Als Theologen-Kind studierte er auf Wunsch des Vaters Theologie, zugleich aber auch Musik, in Berlin beim renommierten Adolf Bernhard Marx. Nie zog es ihn weiter in die Ferne als mit knapp 30 nach Rom, dank königlichen Stipendiums. Danach kurz in Köln, bald aber in seiner Lebensposition in Bremen korrespondierte Reinthaler mit Brahms, Clara Schumann und Joseph Joachim, brachte von Max Bruch das g-Moll-Violinkonzert dirigierend zur Uraufführung und komponierte selbst zunächst vor allem - logischerweise - geistliche Chormusik, aber immer auch Lieder. Mit die Erstlingsoper des über 50-Jährigen war eine "Edda", ihr folgte 1881 - ausnahmsweise in Frankfurt am Main - "Das Käthchen von Heilbronn", recht frei nach Kleist.

Überströmend, nobel: Reinthalers Musik - eine Entdeckung

Wo steht Carl Reinthaler stilistisch? Wenn man liest, was über ihn geschrieben wird: abseits von Wagner, fest am Boden, den Mendelssohn bereitet hat, mit großer Affinität zu Schumann und Brahms. Aber für seine "Käthchen"-Oper spricht mehr als diese noble Genealogie der musikalischen Sprache. Jede Figur wird mit ihren Gefühlen plausibel, die Musik, von der das Werk überströmt, hat den großen Bogen, niemand kann dieses "Käthchen von Heilbronn" als Pappmaschee-Ritteroper von antiquiertem Zuschnitt empfinden.Wenn noch einmal ein Opernführer geschrieben wird: Ab sofort gehören Carl Reinthaler und sein "Käthchen von Heilbronn" hinein.

Hör-Tipp
Apropos Oper, Donnerstag, 16. Juli 2009, 15:06 Uhr

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Theater Erfurt