Ein Komponist im Wahnsinn

Hugo Wolf und Gustav Mahler - zwei Komponisten aus Randgebieten der österreichisch-ungarischen Monarchie, die beide bemüht waren, das Deutsche in der Musikgeschichte zu tradieren, der eine das Lied, der andere die Symphonie.

Aus Briefen Hugo Wolfs an seine Eltern

Eben sei Hugo Wolf zum Hofoperndirektor ernannt worden, erzählte er plötzlich eines Sonntagmorgens, zog einen Zettel aus seiner Tasche und las eine lange Rede an das Personal des Opernhauses vor, an deren Ende er Kapellmeister Mahler die Entlassung aussprach, was ihn diabolisch zu freuen schien.

Am 20. September 1897 begann in einem Perchtoldsdorfer Garten ein langer Leidensweg für Hugo Wolf, aber auch einer des Mitleidens für seine Freunde. Der Wahnsinn, schon lange befürchtet, war endgültig ausgebrochen.

Denn die Realität sah ganz anders aus. Hofoperndirektor war damals de facto Gustav Mahler - ebenfalls Jahrgang 1860, Wolfs einstiger Studienkollege am Wiener Konservatorium -, bei dem er seine Oper "Der Corregidor" zur Aufführung eingereicht hatte. Offenbar erfolglos, was möglicherweise das Stadium der "progressiven Paralyse", von einem Arzt schon lange vorausgesagt, ausgelöst hat.

Doppelbiographie

Wolf und Mahler wären gemeinsam eigentlich ein interessantes Thema für eine Doppelbiographie, wegen ihrer Gemeinsamkeiten, aber auch trotz der eklatanten charakterlichen Gegensätze. Sowohl Wolf als auch Mahler wurden in einfachen Verhältnissen im Jahr 1860 geboren, stammten aus Randgebieten der österreichisch ungarischen Monarchie, ersterer aus Windischgraz, im heutigen Slowenien und Mahler aus Kalischt. Das ist heute tschechisches Staatsgebiet.

Beide schlugen nach einem unterschiedlich langen Konservatoriumsstudium in der Donaumetropole Wien ganz verschiedene Lebenswege ein, die schließlich in beider Schicksalsjahr 1897 in Wien wieder zusammentrafen. Wolf als anerkannter Komponist origineller Lieder, Mahler als berühmter, ebenfalls komponierender Dirigent auf dem Weg zur Weltkarriere: Wolf wurde wahnsinnig, Mahler Hofoperndirektor.

Wagner-Nachfolge?

Beiden waren leidenschaftliche Wagnerianer und beide entwickelten gegensätzliche Schwerpunkte ihres kompositorischen Schaffens, die dem Wagner'schen Vorbild nicht direkt verpflichtet waren: Wolf die Liedminiatur, Mahler steigerte die Symphonie in hypertrophe Dimensionen, sowohl was die Länge, als auch was die Instrumentation betrifft.

Diese Gegensätzlichkeit setzte sich in der posthumen Rezeptionsgeschichte fort. Wolfs Lieder hatten zunächst beträchtlichen Erfolg, während für den Symphoniker Mahler die Zeit noch lange nicht reif war. Dennoch hat eine Schar von kompromisslosen Mahler-Jüngern wie Mengelberg, Walter oder Klemperer nach seinem Tod - acht Jahre später als Wolf - bis in die 1950er Jahre für eine vereinzelte Präsenz seines symphonischen Oeuvres in den europäischen Konzertsälen gesorgt.

Heute - in der Post-Bernstein-Ära, in der einer Mahler-Renaissance ausgelöst worden ist - wird der Symphoniker Mahler auf den Podien sogar stärker berücksichtigt, als die symphonischen Dichtungen von Richard Strauss. Die Präsenz der Wolf-Lieder, die viel stärker als die Lieder Schuberts, Schumanns und Brahms' von der Sorgfalt der Artikulation und der textorientierten Gestaltung abhängig sind, hat auch durch das allgemein wachsenden Desinteresse an der Konzertform des Liederbabends gelitten.

Übersicht

  • Klassik