Ein Intendant mit Charme, List und Sturheit
Wolfgang Wagner gestorben
Der langjährige Leiter der Bayreuther Festspiele ist gestern in Bayreuth im Alter von 90 Jahren gestorben, sagte Pressesprecher Peter Emmerich. Er sei friedlich eingeschlafen, habe ihm die Chefin der Richard-Wagner-Festspiele, Katharina Wagner, mitgeteilt.
8. April 2017, 21:58
Wolfgang Wagners bewegtes Leben
Mehr als ein halbes Jahrhundert lang lenkte er die Geschicke des weltweit renommiertesten deutschen Musikfestivals: Der Intendant der Bayreuther Festspiele, Wolfgang Wagner, ist am Sonntag im Alter von 90 Jahren in seinem Privathaus in Bayreuth gestorben. Dies teilte Festspielsprecher Peter Emmerich am späten Sonntagabend mit.
Wolfgang Wagner widmete sein ganzes Leben dem Erbe seines berühmten Großvaters: Wolfgang Wagner, geboren am 30. August 1919, hat mehr als ein halbes Jahrhundert lang die Geschicke der Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth gelenkt. Als er Ende August 2008 als dienstältester Intendant der Welt seinen Abschied nahm, ging Wagner als Sieger: Nach langem Tauziehen hatte er sich im Streit um die Nachfolge durchgesetzt und die Herrschaft seiner Familie auf dem "Grünen Hügel" gesichert. Seine Töchter Katharina Wagner (31) und Eva Wagner-Pasquier (64) geben seither den Ton im Festspielhaus an.
Umstrittene Nachfolge
Mit Charme, List und einem gehörigen Maß Sturheit widerstand Wagner jahrelang allen Versuchen, ihn aus dem Amt zu drängen. Mit einem lebenslangen Vertrag ausgestattet, galt für ihn das Motto des Lindwurms Fafner aus Richard Wagners Oper "Siegfried": "Ich lieg und besitz." Da er Katharina, seine Tochter aus zweiter Ehe, als Nachfolgerin zunächst nicht durchsetzen konnte, verweigerte er den Rücktritt. Zugleich verschanzte sich der von vielen Seiten angefeindete Festspielchef zunehmend; der Ton zwischen Bayreuth und den Regierungen in Berlin und München wurde immer gereizter.
Die Situation war festgefahren, als ein Drama von Richard Wagner'scher Dimension die Lösung brachte: Völlig überraschend starb Wolfgang Wagners zweite Ehefrau Gudrun, 25 Jahre jünger als er und heimliche Herrscherin auf dem Hügel, im November 2007. Für Wagner ein schwerer Schlag, der aber zugleich die Tür öffnete für die verstoßene Tochter aus erster Ehe, Eva Wagner-Pasquier. Es kam zur Wiederannäherung und schließlich zur Einigung auf die schwesterlichen Doppelspitze - der gesundheitlich angeschlagene Wolfgang Wagner konnte in Frieden seinen Abschied nehmen.
Neustart mit Distanz
Wolfgang Wagner war das dritte Kind von Siegfried und Winifred Wagner. 1939 wurde er im Krieg gegen Polen verwundet. 1940 aus der Wehrmacht entlassen, begann Wagner seine künstlerische Mitarbeit bei den Festspielen sowie an der Preußischen Staatsoper Berlin. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute er gemeinsam mit seinem älteren Bruder Wieland Wagner ab 1950 die durch die Nähe zu den Nationalsozialisten diskreditierten Festspiele wieder auf. Bereits ein Jahr später fanden die ersten Festspiele statt.
Die Inszenierungen von "Neu-Bayreuth" sorgten in den 1950er Jahren weltweit für Aufsehen. Freilich stand Wolfgang Wagner, ein geschickter Kaufmann und Organisator, als Regisseur stets im Schatten des Bruders Wieland.
Nach Wielands frühem Tod im Oktober 1966 übernahm der Jüngere die alleinige Verantwortung für die Festspiele, die alljährlich fast 60.000 Besucher anziehen und sich einer weltweiten Nachfrage erfreuen. Es gelang ihm, die besondere Atmosphäre am "Grünen Hügel" zu erhalten. Bis heute versammeln sich im Sommer renommierte Sänger und Musiker aus aller Welt in Bayreuth, um hier - zu deutlich niedrigeren Gagen als anderswo üblich - aufzutreten.
Mut zu Neuerungen
Unter Wagners Ägide entstanden mehr als 1.700 Aufführungen im Festspielhaus. Daneben schuf er zwölf eigene Inszenierungen. Während er für seine eigenen, oft konventionellen Arbeiten auch Kritik ertragen musste, bewies Wagner als Intendant immer wieder Mut zu Neuerungen. Er öffnete die Festspiele für Regisseure von außen und holte schon 1972 Götz Friedrich, dessen "Tannhäuser" für einen Skandal sorgte.
Später kamen Patrice Chereau ("Der Ring des Nibelungen", 1976), Heiner Müller ("Tristan und Isolde", 1993) und Christoph Schlingensief ("Parsifal", 2004) hinzu. Auch alle großen Wagner-Dirigenten von Hans Knappertsbusch bis Christian Thielemann folgten Wagners Ruf. Daneben lag sein großes Verdienst in der finanziellen Stabilisierung der Festspiele. Auch die bauliche Substanz im Festspielbezirk sanierte und erneuerte er unermüdlich.
Umfehdete Familie
Zwist im Wagner-Clan sorgte immer wieder für Schlagzeilen. Nach dem Tod von Bruder Wieland brach Wolfgang Wagner zunächst mit dessen Familie. Nichte Nike Wagner, Tochter von Wieland Wagner, gehörte danach zu seinen schärfsten Kritikern.
1976 ließ sich Wagner von Ehefrau Ellen Drexel (gestorben 2002) scheiden, um seine Mitarbeiterin Gudrun Mack zu heiraten. In der Folge kam es zum Bruch mit Tochter Eva und Sohn Gottfried, der in seinem Buch "Wer nicht mit dem Wolf heult" mit dem Vater abrechnete.
Reaktionen
"Von den Großen war er der Größte", schreibt Staatsoperndirektor Ioan Holender in seinem sehr persönlichen Nachruf auf Wolfgang Wagner. "Über 40 Jahre hat er allein - in jeder Beziehung - die Festspiele seines Großvaters geleitet. Schon wenn ich diese Worte zu Papier bringe und mir bewusst wird, dass ich damit den Enkel Richard Wagners - eines der größten Genies der Menschheitsgeschichte - meine, bekomme ich Gänsehaut", so Holender.
Der französische Komponist und Dirigent Pierre Boulez hat Wagner als einen sehr "loyalen" Indendanten in Erinnerung. "Ich habe seine große Loyalität mir und Patrice Chéreau gegenüber sehr geschätzt", sagte Boulez. Im Jahr 1976 hatten er und der französische Regisseur Patrice Chéreau in Bayreuth ihre Vision von Wagners "Ring des Nibelungen" aufgeführt und einen Skandal unter den Wagnerianern ausgelöst. Heute gilt die "Jahrhundert-Inszenierung" als legendär und bahnbrechend.
Schlingensief dankbar
Für den Bayreuther "Parsifal"-Regisseur Christoph Schlingensief (49) war Wolfgang Wagner ein "Zirkusdirektor mit einem großen Herzen für seine Artisten", der zu recht "stolz war auf sein Bayreuther Neverland". Schlingensief erinnert sich "mit großer Dankbarkeit" an seine vier "Parsifal"-Jahre in Bayreuth bis 2007, "auch wenn ich kämpfen musste mit fragwürdigen Grenzüberschreitungen", sagte der an Krebs erkrankte Berliner Film-und Theaterregisseur.
Der Deutsche Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hat den Bayreuther Festspielleiter Wolfgang Wagner als "großen Erneuerer" des Musiklebens in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit gewürdigt. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer würdigte Wagner als herausragende Theaterpersönlichkeit. Er habe den Festspielen wie kein anderer seinen Stempel aufgedrückt.