Sechs Konzerte mit Wiener Philharmonikern

Konzertreigen zum 85. Geburtstag von Pierre Boulez

Reich an Jahren und kein bisschen müde - wenn das für jemanden gilt, dann für Pierre Boulez. Der Komponist und Dirigent wird heute 85. Rund um seinen Geburtstag gibt er mit den Wiener Philharmonikern an acht Tagen nicht weniger als sechs Konzerte, in Wien und Linz.

Morgenjournal, 26.03.2010

Reich an Jahren und kein bisschen müde - wenn das für jemanden gilt, dann für Pierre Boulez. Der Komponist und Dirigent wird heute 85. Rund um seinen Geburtstag gibt er mit den Wiener Philharmonikern an acht Tagen nicht weniger als sechs Konzerte, in Wien und Linz. Mit dem letzten Konzert, morgen, wird das Wiener Festival "Osterklang" eröffnet, und zwar im Großen Musikvereinssaal.

Pierre Boulez hat für die "Osterklang"-Eröffnung zwei im weiteren Sinn geistliche Werke ausgesucht. Igor Strawinskys "Psalmensymphonie" verwendet lateinische Bibeltexte. Strawinsky war - was viele nicht wissen - die meiste Zeit seines Lebens ein gläubiger Mensch, mit enger Bindung an die orthodoxe Kirche. Ganz anders Leos Janácek. Seine "Glagolitische Messe" hatte eher einen politischen Hintergrund. Janacek war überzeugter Panslawist, und ihm schwebte die Wiederbelebung nationaler tschechischer Kirchenmusik vor.

Pierre Boulez selbst lehnt Mystizismus ab und konnte zum Beispiel der Religiosität seines Lehrers Olivier Messiaen nie etwas abgewinnen. Aber man müsse ja nicht religiös sein, um religiöse Musik zu dirigieren.

"Religion oder nicht - es gibt immer eine Ethik", sagt Boulez. "Aber wenn ich die Janácek-Messe nehme: Er war wirklich ein Atheist. Aber er wollte die Ewigkeit im Menschen zeigen".

Schreibt Avantgarde, dirigiert Klassiker

Pierre Boulez gehört zu den Führungsfiguren der westeuropäischen Avantgardemusik seit 1945. Wenn man das bedenkt, ist es doch erstaunlich, wie viel historische Musik er in Konzerten dirigiert und aufgenommen hat: Von Beethoven bis Ravel, von Mahler bis Bartók. Er bemüht sich seit Jahrzehnten, die Dirigententätigkeit nicht überhand nehmen zu lassen gegenüber dem Komponieren: "Für mich ist die Hauptsache die Komposition. Nicht komponieren, das kann ich nicht ertragen".

Derzeit schreibt Boulez seinen Orchesterzyklus "Notations" weiter, dessen Anfänge mehr als 60 Jahre zurückliegen. "Die 'Notations' enthalten alle seine Erfahrungen als Komponist und Dirigent", sagt Boulez .

Freiheit, aber Disziplin
"Wenn ich sehe, was ich zum Beispiel 1950 geschrieben habe - das war sehr düster, und manchmal sehr scharf konturiert. Was ich jetzt mache, ist viel freier. Für diese Freiheit habe ich gekämpft. Man kann nicht ohne Gesetz arbeiten, man braucht ein Gesetz. Aber im selben Moment muss man frei von diesem Gesetz sein. Eine Situation, die sehr schwer auszubalancieren ist. Freiheit, aber Disziplin".

In den 1950er und 1960er Jahren hat Boulez vieles von dem mit konzipiert, was der Neuen Musik bis heute ihr Gepräge gibt. Er begründete das Pariser IRCAM, das Computermusik-Labors am Centre Pompidou. Der Computer als extrem ausdifferenziertes Musikinstrument und als Kompositionswerkzeug, wie wir ihn heute kennen, ist mit ein Produkt des IRCAM.

Mit Kollegen wie Stockhausen war er einer der Erfinder der seriellen Musik. Da wurden Kompositionen sozusagen streng demokratisch durchorganisiert. Alle Tonhöhen, alle Intervalle und rhythmischen Elemente sollten gleich oft vorkommen; vor allem um phrasenhaft abgenutzte traditionelle Formeln zu überwinden. Pierre Boulez begriff aber auch als einer der ersten, dass dieses Prinzip nicht zu dogmatisch durchgezogen werden durfte.