John Oswalds Plunderphonics

Wie aus einem alten Kurzwellenradio

Vieles von dem, was die Leute in den 1980er Jahren über Sampling gesagt haben, war ganz schön unehrlich und manchmal auch hinterlistig, erinnert sich John Oswald, Gründer und Großmeister der Plunderphonics zurück. Er selber fand es immer schon interessanter, auf die Klangquelle direkt zu verweisen.

Immer und immer wieder hätte man damals in den 1980er Jahren gehört, dass es schon ok sei, etwas zu samplen, solange es nicht zu offensichtlich war, woher das Sample ursprünglich stammte; solange die ursprüngliche Klangquelle nicht zu erkennen war. Im Klartext heißt das, so John Oswald: Es ist in Ordnung zu stehlen, solange man darauf aufpasst, dass man damit auch davon kommt. Er selber hätte es ja demgegenüber immer viel interessanter gefunden, auf die ursprüngliche Klangquelle direkt zu verweisen.

Die bunte Musik des Kurzwellenradios

Noch immer würde er jene Dinge erforschen, die er bereits als Kind erforscht hat, antwortet John Oswald nach der Quelle seiner Schaffenskraft gefragt. Oswald wurde 1953 in Kanada geboren, wo er auch heute noch lebt. Und er erzählt vom ersten Instrument, das seine Aufmerksamkeit erregte und mit dem er in weiterer Folge viel Zeit verbringen sollte, er erzählt vom Kurzwellenradio, das damals in den 1950er und 1960er Jahren noch analog und nicht wie heute digital funktionierte, und wo man mittels Drehknopf auf dem Radioband surfen und durch immer wieder neue Klangwelten reisen konnte.

Donauwalzer mit Ringmodulator

"Wenn man zum Beispiel einen Radiosender gefunden hatte, auf dem gerade der Donauwalzer gespielt wurde, dann brauchte man nur ein klein wenig weiterzudrehen, und schon klang es, als würde hier gerade einer dieser Ringmodulatoren zum Einsatz gelangen, so wie sie etwa Stockhausen verwendet hat", sagt John Oswald. "Manchmal hörte man, wie zwei Sender aufeinander trafen. Und es war ein endloses Kontinuum. Bevor ich ein Mischpult besaß, mit dessen Hilfe ich mehrere Klangquellen eben ineinander mischen konnte, hörte ich diese Musik, in der so vieles ohne eigentliche Absicht auf so wunderbare Art und Weise zusammen floss. Das Radio als Instrument zu betrachten, eröffnete allerlei Möglichkeiten."

Das Kurzwellenradio beflügelte John Oswalds Vorstellung davon wie Musik noch klingen könnte. "Mein Hören hat das insofern geprägt", schildert der Künstler, "als ich in weiterer Folge zwischen etwa Popmusik, elektronischer Musik und klassischer Musik keinen Unterschied machte. Von überall nach überall hin gibt es Brücken."

Technik, Genre, Standortbestimmung

Den Begriff Plunderphonics hat John Oswald in den 1980er Jahren zuerst einmal für seine Musik geprägt. Seit vielen Jahren gilt Plunderphonics nun aber schon als Genre-Bezeichnung. Ein plunderphone, erklärte John Oswald in einem Interview mit Norman Igma, ist ein Klangzitat, das auf irgendeinem Speichermedium festgehalten wurde und dessen Ursprung auch noch klar erkennbar ist, wobei eine 1:1 Wiedergabe nicht ausreichen würde, denn dann sei es eben nur ein Sample. Wer aber etwa den Song "Like a Virgin" von Madonna hernimmt und ihn rückwärts dargeboten aufnimmt oder in einem verlangsamten Tempo, der dürfe das daraus entstehende neue Musikstück ein plunderphone nennen. Sich als Plunderphonicist zu bezeichnen, also als jemand der Plunderphonics – nun im Sinne einer Technik verstanden – betreibt, hätte aber auch Auskunft über den eigenen Standort in der damaligen Musikindustrie gegeben.

John Oswald: "In den späten 1960er Jahren gab es viel Gerede über Underground Musik und darüber wie man als Band underground sein konnte. Später hat man dann stattdessen den Begriff Alternative verwendet. Wirklich underground waren damals in den 1980er und 1990er Jahren nur Plunderphonicists und andere Musikerinnen und Musiker, die sehr viel gesampelt haben, denn das war die einzige Musik, die von den Mayor Labels nicht vereinnahmt werden konnte. Dazu hätten sie nämlich in der Regel erst unzählige Rechte klären müssen, und das war in der Praxis oft einfach nicht zu bewältigen."

Phänomenologischer Ansatz

Der künstlerische Ansatz von John Oswald ist ein phänomenologischer. Mit jedem neuem Stück verfolgt John Oswald eine neue Intention. Bei der Arbeit an dem Stück Plexure etwa, hat den Künstler die Frage interessiert, ab wann ein Sample oder um in Oswalds Terminologie zu bleiben, ab wann ein electroquote zu kurz war, um beim Hörer, bzw. bei der Hörerin eine Erinnerung auslösen zu können. Und dann bot ihm John Zorn an eines seiner neuen Plunderphonics-Stücke auf seinem Label herauszubringen. Aber er könne doch gar nichts veröffentlichen, hätte er diesem gesagt, schildert Oswald, um eben nicht womöglich mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten.

John Oswald: "Aber dann hab ich ihm erzählt, dass ich da gerade an diesem Stück arbeite, für das ich nur ganz, ganz kurze Ausschnitte aus Popsongs verwende. Und ich erklärte ihm, dass ich, um hier sozusagen Kilometer zu machen, sehr, sehr viele Popsong-Schnipsel verwenden müsse, alle Urspungsquellen anzugeben, das würde in dem Fall einfach den Rahmen sprengen, so mein Argument, weshalb dann auch mein Vorschlag war, einfach zu sagen, dass sich in diesem Stück die gesamte Popmusik befindet, die es in dem Zeitraum von 1982 bis 1992 in die diversen Top 100 geschafft hat."

Musik auf Plexiglas

Vergangenes Jahr ist auf John Oswalds eigenem Label fony eine Überarbeitung von Plexure erschienen, und zwar auf Plexiglasplatte. Ein ganz besonderes edles Teil, bzw. genauer gesagt 33 ein drittel ganz besonders edle Teile, voller – wie es für John Oswald eben typisch ist – kleiner Details und Doppelbödigkeiten. So findet sich auf jeder der 33 ein drittel Platten etwa auch eine andere Unterschrift von einem in der Zeit zwischen 1982 und 1992 aktiven Popstar. Je größer dessen Status, umso teurer der Tonträger. An der Spitze steht natürlich der King of Pop. Wer die Platte mit Michael Jacksons Unterschrift besitzen will, der muss dafür satte 1800 Kanadische Dollar hinblättern.

Zwischen Musik und bildender Kunst

John Oswald: "Also, wenn ich Witze darüber machen darf, wie das Geschäft in der bildenden Kunst läuft: In der Regel wird ja bei limitierten Auflagen signiert und nummeriert. Hier ist jede dieser 33 ein Drittel Platten zwar auch signiert, aber nicht von mir. Und die Unterschriften sind auch keine Originale sondern Kopien. Aber sie haben Wert, mehr Wert sogar, als wenn ich die Platten selber signiert hätte, denn jede Unterschrift ist anders und damit etwas Besonderes. In Kombination mit dem Plexiglas ergibt das auch ein schönes Bild, ein Werk der bildenden Kunst könnte man sagen."

Wobei nun auch noch schnell ein Bogen gespannt ist, zu John Oswalds anderweitiger künstlerischer Aktivität. Der Begründer und Großmeister der Plunderphonics ist, wie hier bereits angeklungen, auch noch als bildender Künstler und weiters als Tänzer und Saxophonist aktiv, - eine höchst vielschichtige, spannende Persönlichkeit also.

Service

CD "prePlexure", individually-cut limited-edition phonograph records each with a unique signature facsimile, fony

Veranstaltung "Tonspur 34", John Oswald, Eislaufen, 2010, 8-Kanal-Komposition, bis 15. Mai 2010, MuseumsQuartier Wien, Tonspur_passage (zwischen MQ Hof 7 und 8), täglich 8:00 bis 22:00 Uhr

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