Geschichtsträchtiges und düsteres Bagamoyo
Die Last des Herzens
Bagamoyo ist ein verzauberter, aber nicht zauberhafter Ort: Vom verschlafenen Fischerort wurde es Umschlagplatz des ostafrikanischen Sklavenhandels und später zur Hauptstadt der Kolonie Deutsch-Ostafrika. Heute ist Bagamoyo vor allem Tagungsort für Beamte aus Tansanias Hauptstadt.
8. April 2017, 21:58
Dennoch will der Fremdenverkehr nicht so richtig anlaufen hier. Vielleicht hängt es mit der düsteren Atmosphäre zusammen, die selbst blauäugige Reiseführerautoren nicht als "charmant" oder "romantisch" zu bezeichnen wagen. Aus dem ostafrikanischen Hinterland wurden Menschen als Sklaven hierher verschleppt, um dann weiter über die Insel Sansibar, etwa 35 Kilometer östlich im Indischen Ozean gelegen, in die Welt verschifft zu werden.
Die Führerin im Sklavenmuseum erklärt den Begriff "Karawanserei" und den Ursprung des Ortsnamens: "Bwaga-Moyo" heißt auf Swahili "Leg die Last Deines Herzens nieder". Wer in Bagamoyo angelangt war, hatte keine Hoffnungen mehr.
Und dann kamen die Deutschen: Bagamoyo wurde auserwählt, die Hauptstadt der Kolonie Deutsch-Ostafrika zu sein. Man baute ein pompöses Verwaltungsgebäude, Boma genannt, eine Post, eine Schule und andere repräsentative Machtbauten. Kurz darauf, nämlich 1891, erkannte man, dass Bagamoyo handelsstrategisch wenig geeignet war. Man beschloss, das Dorf wieder Dorf sein zu lassen und verlegte die Geschäfte ins achtzig Kilometer entfernte Dar es Salaam. Die deutschen Gebäude sind heute Ruinen und trotz Weltkulturerbe-Ambitionen dem Verfall preisgegeben. Gut erhalten und gepflegt sind hingegen einige Grabmäler.
Auf den Grabsteinen stehen die Namen von Franz Quandt, Unteroffizier der kaiserlichen Schutztruppe, Bauinspektor Emil Hochstetter, Schwester Antonie Bäumler und Unterlieutenant Max Schwalbe, "gefallen am 18. Mai 1889 beim Sturm auf die befestigte Stellung bei Bagamojo. Allen voran, der erste im feindliche Lager". Auf deutschen Websites zu Gefallenendenkmälern finden sich darüber einige Informationen, offenbar sind die deutschen Gesandten immer noch fleißig am dokumentieren. Fleißig und präsent sind in Bagamoyo auch die Skandinavier. Das 2002 abgebrannte Bagamoyo College of Arts wurde von Schweden und Norwegen gemeinsam mit der tansanianischen Regierung neu errichtet und 2005 eröffnet.
"Es ist ein einzigartiges Gebäude in Ostafrika", sagt der Norweger Kjetil Haugbro, derzeit Leiter des im Arts College integrierten TaSUBa Theaters, des mit 1.500 Sitzplätzen wohl größten Kulturveranstaltungssaales in Ostafrika.
Donnerstags werden im TaSUBa Theater afrikanische Filme gezeigt, freitags gibt es Disko und an Samstagen Live-Musik oder traditionelle Tänze. Der Eintrittspreis liegt bei umgerechnet einem Euro. "Das entspricht immerhin dem Tagesverdienst vieler Leute hier", sagt Kjetill, "Unterhaltung genießt also keine große Priorität in Bagamoyo." Der Kulturmanager aus Norwegen mag ob der alltäglichen Arbeitsbedingungen und geringen Publikumsinteresses resignieren, aber man stelle sich das vor: der größte und am besten ausgestattete Kulturraum inmitten der ostafrikanischen Provinz. Es ist wie ein Opernhaus im Dschungel. Nur der afrikanische Enrico Caruso fehlt noch.
