Henry Kissinger: Europa hat noch immer keine Stimme

Welche Telefonnummer hat Europa eigentlich? Mit dieser Frage hat der damalige amerikanische Außenminister Henry Kissinger vor mehr als 30 Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass Europa keine gemeinsame Außenpolitik verfolge. Jahrzehnte später gibt es Ansprechpartner in Europa, Henry Kissinger sieht aber noch immer zu viele Einzelinteressen. Vor allem fehlt eine Persönlichkeit mit Gewicht an der Spitze.

Europa noch zu nationalstaatlich?

Henry Kissinger, Politikwissenschaftler und US-Außenminister von 1973 bis 1977, sagt im ORF-Interview, dass die Nationalstaaten in Europa auf dem Rückzug seien. Ob das gut oder schlecht sei? Kissinger sieht das Problem darin, dass Europa die Nationalstaaten "nicht erwecken konnte". Eine gemeinsame Politik erfordere Opfer.

Abendjournal, 23.09.2010

Neutralität nur für kleine Länder machbar

Er sehe die Neutralität Österreichs im Jahr 2010 als gangbares Konzept, allerdings müssten dann andere die Verteidigung im größeren Rahmen übernehmen, gibt sich Kissinger ironisch. Für ein kleines Land wie Österreich sei das möglich.

EU-Führung ohne Autorität

Vor dreißig Jahren soll Henry Kissinger den Satz geprägt haben, dass es keine Telefonnummer in Europa gebe. Es fehle der Ansprechpartner. Heute sei er strukturell zufrieden, dass es einen EU-Ratspräsidenten gebe. Bei der Besetzung (Anm., Hermann van Rompuy) mit den führenden Persönlichkeiten sei noch nicht die Autorität vorhanden, die nötig sei um mit Europa zu verhandeln. Man sei daher in den USA in der Versuchung sowohl mit Europa als auch mit den größeren Nationalstaaten in Verbindung zu treten. Es müsse erst ein Konzept für einen gewichtigeren Repräsentanten entwickelt werden. Das sei die allgemeine Ansicht.

Fernsehtipp

Das gesamte Interview hören und sehen Sie heute in der Zeit im Bild 2, ab 22.00 Uhr.