Das Künstlerduo Station Rose

Sie sind "Pioniere des digitalen Raums" und zählen zu den weltweit anerkannten Entdeckern des Cyberspace für die Kunst: Gary Danner und Elisa Rose. Zusammen sind sie das Künstler-Duo Station Rose und blicken dieser Tage auf 20 Jahre digitales Schaffen zurück.

Die erste Musik, das erste Kunsterlebnis

Eingebrannte "Michelle"

Elisa Rose, ehemalige Schülerin von Karl Lagerfeld, besorgt die bildliche Umsetzung der Projekte, und als bleibende Begegnung schildert sie einen Besuch in der berühmten Linzer Grottenbahn.

Der Musiker Gary Danner, der mit Bands wie The Vogue und Die nervösen Vögel die frühe Wiener New-Wave- und Experimental-Szene prägte, ist für die klangliche Ebene zuständig. Danner erinnert sich an entscheidende erste Einflüsse als Kind der 1960er Jahre: "Die erste bleibende musikalische Begegnung hatte ich, als ich mit fünf Jahren das erste Mal - im ORF - die Beatles hörte, und zwar war die Single 'Michelle', das ist mir hängengeblieben, beziehungsweise, die hat sich bei mir ins Gehirn gebrannt, und zwar dieses Gitarrensolo, das nicht George Harrison spielt, sondern Paul McCartney, mit den Fingern ohne Plektrum, ein Metamega-Ohrwurm!"

Es war eine Empfindung vollkommener Harmonie, gepaart mit einem ersten noch nicht benennbaren Hauch von psychedelischer Stimmung, die ihn ergriff, sagt Gary Danner. Vielleicht die erste Ahnung von Originalität und Kreativität, an die er sich erinnert: "Ich hab diese Musik zu Hause gehört, beim Frühstück, und bin dann spielen gegangen in die Natur. Ich bin in Oberösterreich am Land aufgewachsen, war also mitten in der Natur, und es ist mir erst da aufgefallen, wie schön diese Melodie ist. Für mich war das eine perfekte Harmonie, es war Frühling, sogar an den Geruch kann ich mich erinnern, damals im Frühling 1965, draußen in der Au in Oberösterreich. Und diese Melodie von Michelle."

Mystische Aura der Hippies

Mit etwa 12 oder 13 Jahren bereitete Danner sich schließlich, mehr oder weniger unbewusst, wie er es formuliert, auf die professionelle Musikerkarriere vor. In dieser Zeit entdeckte er die Beatles zum zweiten Mal, diesmal jedoch bewusster. Was ihn nun verblüffte, war die Reaktion, die bestimmte Musik auf die Elterngeneration auslöste, und die er gleichfalls gerne bewirken wollte: "Ich war ja Kind in den 1960er Jahren, und was mich sehr fasziniert hat, war diese teilweise mystische, aber auch gleichzeitig gefährliche Aura, die diese Hippiebewegung hatte, wie sie in den Medien transportiert wurde."

"Also einerseits hat mich die Musik fasziniert", setzt Danner fort. "Ich kann mich wirklich noch auf den Tag genau erinnern, wo zum Beispiel im Radio Canned Heat und Hendrix kam, die Rolling Stones kamen und 'We love you'. Ich weiß noch genau, wie ich vor dem Fernseher beim 'Beatclub' gesessen bin als Sechsjähriger, und was mich auch sehr fasziniert hat, war dieser subversive Gedanke, der da eins zu eins mitkam mit dieser schönen Musik und zwar, dass die Erwachsenen so panisch reagierten drauf."

Exotische Medienkunst

Der Begeisterung darüber, dass Musik Unruhe auslösen konnte, folgte später das Bestreben, mittels Kunst zu überraschen und Neuland zu betreten. 1988 eröffneten Gary Danner und Elisa Rose die Station Rose, einen Raum in der Wiener Margaretenstraße, wo man Ausstellungen aus dem Bereich der damals noch eher exotischen Medienkunst zeigte, sowie - gleichsam als Produkt aus einer künstlerischen Forschungsstation - erstmals auch Internetkunst präsentierte, zu einer Zeit, da das WWW für die meisten Menschen in Österreich noch unzugänglich war.

Es sei immer die Zukunft gewesen, die sie faszinierte, sagt Gary Danner. Elisa Rose erinnert sich allerdings an ihre Vergangenheit: Ihr erstes visuelles Schlüsselerlebnis hatte sie am Linzer Pöstlingberg: "Ich bin ja in Linz geborgen, und etwas außerhalb gab es diesen Berg, ich glaube, das war einst ein heidnischer P, der später christianisiert wurde, also oben stand jedenfalls eine katholische Kirche, und drunter war eine Grotte. Und mit der Grottenbahn bin ich viele Hunderte Male hin und her gefahren. Nie ist mir das langweilig geworden."

"Ich fuhr mit diesem Drachenzug sicher tausend Mal eine ganz bestimmte Schleife", so Elisa Rose. "Auch an den Geruch der Grotte kann ich mich erinnern, er war nicht direkt miefig, eher so feucht und dunkel und verschlossen, dann - ich sehe es noch vor mir: Es gehen die Lichter an in verschiedenen Farben, es war meine erste Installation! Eine Märchensituation! Dann geht die nächste Seite an, dann kommt das Finale, man fährt durch, links und rechts Farben und dann alle Seiten auf einmal inklusive der Plafond. Das hat mich ganz stark geprägt in Sachen Projektionskunst."

Timothy Leary, ein guter Freund

Bei der Ars Electronica in Linz 1990 traf das Station-Rose-Duo übrigens mit dem US-amerikanischen Psychiater und Autor Timothy Leary zusammen. Die "public brain session", eine von bewusstseinserweiternden Experimenten inspirierte Cyber-Performance der beiden Künstler, hatte den Gefallen des an Bewusstseinserweiterung in jeglicher Form interessierten Leary gefunden. Eine weitere bleibende Begegnung.

"E war unglaublich charmant und elegant und überaus höflich und sage plötzlich in einem Nebensatz zu uns: 'Kommt ihr eh zu mir nach Beverley Hills!' Und wir haben geglaubt, das ist ein Witz, aber dann hat er uns wirklich eingeladen, und wir sind hin - und diese Inszenierung des alten Hollywood, das es ja immer noch gibt, diesen Filmglamour, das war großartig. Er hat ganz oben gewohnt in Beverly Hills, in einem dieser flachen Penthouse-Häusern, ganz weiß mit einem wunderschönen Garten. Du fährst endlos in Schleifen hoch, in Spiralen, bis du auf dem Beverly-Hills-Berg landest. Leary fand unser Mann-Frau-Projekt so modern, noch dazu gleichsam auf digitaler Ebene. Er hat ja immer behauptet, ihm sei es nie geglückt, mit einer Frau zusammen zu arbeiten, es ging immer schief, und so konnte er gar nicht glauben, dass das bei uns klappt. Diese Mischung aus dem zukünftigen Aspekt der Cyberkultur im Rahmen des richtigen alten Hollywood war atemberaubend, ich bin niedergebrochen, so sehr hat mir das alles gefallen." Bis zu seinem Tod im Jahr 1996 waren Danner und Rose mit Timothy Leary freundschaftlich verbunden.

Leben in der Gegenwart

Die 20 digitalen Jahre, auf die Station Rose nunmehr zurückblickt, seien indes kein Grund, sentimental zu werden. Vergangenheit war zwar nie ihr Thema, aber auch die Zukunft ist nicht mehr das einzige, was zählt, sagen die beiden Künstler: "Wir sehen, dass wir Kunstgeschichte geschrieben haben, und wir werden auch immer von den verschiedensten Leuten darauf angesprochen. Aber etwas hat sich geändert bei uns: Die Zukunft interessiert uns jetzt weniger als die Gegenwart. Es ist bereits so viel eingelöst worden, wir brauchen keine besseren Rechner, keine noch bessere Vernetzung. Wir fragen uns, was ist in dieser derzeitigen Postkrisensituation zu tun? Insofern sind wir jetzt eigentlich in erster Linie gegenwartsorientiert."

Service

Publikation Station Rose, "20 digital years plus", Verlag für Moderne Kunst Nürnberg

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