Achleitners Architekturführer abgeschlossen

Die mehrbändige Dokumentation "Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert", das Lebenswerk von Friedrich Achleitner (80), nähert sich der Vollendung. Nun wird der letzte Wien-Band über die Bezirke 19 bis 23 publiziert.

Kulturjournal, 27.10.2010

Expeditionen zur österreichischen Baukunst

Mitte der 1960er Jahre hat Friedrich Achleitner mit seinen Expeditionen zur österreichischen Baukunst begonnen, als architektonischer Landvermesser er ist durch Städte und Dörfer gewandert. Wie viele Kilometer er da im Lauf der Jahrzehnte zurückgelegt hat, weiß er nicht, nur so viel: "Ich weiß nur, dass es vier Autos waren, die verbraucht worden sind."

"Der Achleitner", wie die ausführliche Dokumentation unter Architekten heißt, machte den Architekturhistoriker zur kritischen Instanz. Bereits 1980 war im Residenz Verlag der erste Band erschienen, in dem Bauwerke in Oberösterreich, Salzburg, Tirol und Vorarlberg dokumentiert wurden. Drei Jahre später kam ein zweiter Teil dazu mit Kärnten, der Steiermark und dem Burgenland. Es folgte das Wien-Projekt. Und das hat mehr als ein Viertel Jahrhundert in Anspruch genommen.

"Wenn man jahrelang herumsucht, weiß man mehr und man sieht mehr. Das explodiert dann eigentlich", so Achleitner.

Mittagsjournal, 27.10.2010

Wien als Dreiteiler

Das Ergebnis der Explosion: Ein Dreiteiler, die Wiener Bezirke 1 bis 23, gesammelt in einem Schuber. Gleich auf Seite vier, noch vor dem Vorwort, gibt's eine Warnung. Der Verfasser ersucht da alle mit dem Denkmalschutz befassten Stellen, seinen Architekturführer nicht als Auflistung der zu schützenden Bauten zu verwenden.

"Ich habe das immer ein bisschen peinlich gefunden, wenn man im sogenannten 'Achleitner' nachgeschaut hat und dann ist man zu einem positiven Urteil gekommen. Das ist zu wenig", so der Autor. Das Werk sei kein Katalog und keine Sammlung von vorbildlichen Beispielen.

Erlebte Architekturgeschichte

"Der Achleitner" - das ist nicht nur beschriebene, sondern auch selbst erlebte Architekturgeschichte, von den 50-er Jahren an: "Da ist es darum gegangen, mit möglichst geringen Mitteln möglichst schnell Wohnraum zu schaffen. Diese Bauten muss man auch ganz anders beurteilen, und das habe ich auch versucht. In den 1960er Jahren gab es diese Aufbruchsphänomene, wo plötzlich die Architekten nur mehr über Soziologie oder Mitbeteiligung gesprochen haben und wo die ersten Fundamente für das heutige Starwesen gelegt worden sind."

Interessiert haben ihn weniger die ästhetischen Hochleistungen, sagt Friedrich Achleitner: "Mich haben eher die anonymen Dinge interessiert, die Typografien im Wohnbau und Industriebau - eben in allen Baubereichen, wo es sehr viele kulturelle Einschlüsse gibt, die aber nicht als Kunst deklariert sind, sondern eine Art Relief einer ganzen Baukultur ergeben."

Band über Niederösterreich fehlt

Was fehlt, das ist die Dokumentation der Architektur in Niederösterreich. Das müssen Jüngere machen, sagt Friedrich Achleitner. Die Architekturschreiberei sei Knochenarbeit, das Vergnügen: die Literatur. Ein Vergnügen nebenbei auch für die Leser der Achleitner'schen Kurzprosabände.

Doch für die literarische Arbeit bleibt wohl auch in Zukunft nur wenig Zeit: "Es ist ja leider so, dass man fast dauernd angerufen wird. Wenn irgendwo ein Bau bedroht ist, dann bekomme ich einen Brief. Ich müsste eigentlich ein Büro einrichten - so eine Art baugeschichtliche Feuerwehr. Man müsste sich dauernd zu irgendetwas äußern. Das kann ich einfach nicht mehr. Und ich möchte es auch nicht mehr. Da müssen sich schon die Leute vor Ort darum kümmern."

Textfassung: Rainer Elstner

Service

Friedrich Achleitner, "Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert", Residenz Verlag