Alles ist möglich?

Ob in der Wirtschaft, im Sport oder in der Kultur: die Berater sind aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Sie beobachten, sie analysieren und sie unterstützen ihre Klienten auf dem Weg zur Selbstfindung und Selbstentfaltung. Denn im Internetzeitalter geht es nicht darum, faktisches Wissen zu generieren, die Herausforderung besteht darin, wie Wissen kommuniziert wird.

Fit für die Arbeitswelt

Und das kann trainiert werden. In Form von Rollenspielen oder Action Learning, in Inter– und Supervision, mit "Collaborative Learning" oder "Gewaltfreier Kommunikation": Die Methoden sind vielfältig. Der Markt boomt, denn die Nachfrage ist groß. Trainer und Coaches benutzen psychologisches Know-how, um ihre Klienten für die Arbeitswelt fit zu machen. Und dieser Trend hat Geschichte. Die israelische Soziologin Eva Illouz von der Hebrew University in Jerusalem hat die "Therapiegesellschaft" beschrieben:

"Das erste Mal gewann die Psychologie in den USA nach dem Ersten Weltkrieg an Bedeutung", so Eva Illouz. "Man war mit Soldaten konfrontiert, die kriegstraumatisiert waren. Ihnen versuchte man, mit Therapien zu helfen. Hier kam die Psychologie bei sehr ernsten Indikationen zum Einsatz. Doch dann wurden die Psychologen in die unterschiedlichen Arenen des täglichen Lebens gerufen. Ab den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelten sich Kooperationen, die darauf abzielten, die Psychologie als Schlüsselwissenschaft einzusetzen, um die ökonomische Produktivität der Individuen zu steigern. Damit zog die Psychologie in alle Bereiche des menschlichen Lebens ein."

Nicht nur in der Arbeitswelt, auch im Privaten wurden die Psychologen immer wichtiger. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts stiegen in den USA die Scheidungsraten rapide an. Und hier wurden die Psychologen mobilisiert, um die Scheidungsraten wieder zu senken. Vor allem Frauenmagazine in den USA widmeten sich nun dem Thema, wie mit Hilfe psychologischen Wissens das Eheleben zu verbessern sei.

Pille statt Analyse

In den unterschiedlichsten Konfliktfeldern menschlichen Zusammenlebens kommen nun Psychologen zum Einsatz. Ob in den Rehabilitierungsprogrammen von Suchtkranken oder im Strafvollzug, ob in Trainingsprogrammen von Arbeitslosen oder in Fortbildungsseminaren von Managern, ob in Kindergärten, Schulen oder in den Betrieben: Psychologen werden engagiert, um mit den Klienten soziales Verhalten zu üben und Konfliktlösungsstrategien zu entwickeln. Lehren uns die Psychologen, besser mit scheinbar unvermeidlichen Härten umzugehen? Oder: Lernen wir, uns leichter in rigide Systeme einzufügen?

Optimale Anpassung und Leistungseffizienz stehen im Fokus der Beratungen. Scheitern Menschen aber an den Anforderungen, die an sie gestellt werden und reagieren sie mit Burnout oder mit Depressionen, werden selten psychotherapeutische Behandlungen als Therapieform gewählt, sagt der Psychoanalytiker Felix de Mendelssohn. Diese sind zu langwierig und kostenintensiv. Hier greifen Ärzte zu Psychopharmaka. "Die Pillen machen die Patienten rasch wieder arbeitsfähig", sagt Felix de Mendelssohn.

Schwebende Aufmerksamkeit im Datendschungel

Die Innovationen in den Kommunikationstechnologien vervielfachen die Unübersichtlichkeit im menschlichen Zusammenleben. Die Komplexität unserer Arbeitswelt ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen, sagt der Soziologe Dirk Baecker von der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Die Ursache dafür sieht er im Medium Computer. Und hier werden Therapeuten und Berater erneut gebraucht. Denn vordergründig löst die Undurchschaubarkeit des neuen Mediums Unruhe und Angst aus.

Welche Kulturtechniken unterstützen uns dabei, uns im Internet zurecht zu finden? Für Dirk Baecker bietet die Intuition eine gute Strategie im Umgang mit den Phänomenen der Unübersichtlichkeit. Und die können wir entwickeln. Im Zustand der schwebenden Aufmerksamkeit, die wir mit Hilfe eines Therapeuten oder Beraters lernen, fällt es leichter, eine Auswahl zu treffen, die mit unseren Erfahrungen und Gefühlen vereinbar ist. Doch für die israelische Soziologin Eva Illouz zeigt sich gerade hier ein Widerspruch, denn die Dynamik der psychologischen Reflexion und der Selbstreflexion bewirkt, dass Menschen gesellschaftliche Regeln immer stärker verinnerlichen. Sie lernen sich immer besser zu kontrollieren. Und das geht auf Kosten der Intuition.

Individuum ohne Geschichte?

Verändert die Therapiegesellschaft unser Menschenbild? Wie definieren wir das Individuum in der Computergesellschaft? Die Selbstreflexion, die Berater und Coaches brauchen, um die Arbeitsprozesse der anderen zu spiegeln, bewirkt, dass sie sich auf Gewärtiges konzentrieren, sagt Dirk Baecker. Die Verbindung zwischen Geschichte, Gegenwart und Zukunft wird in der Computergesellschaft immer weniger wichtig.

Reagieren statt Agieren: das wird zur Devise der Zukunft. Ist die Arbeit an der persönlichen Entwicklung damit passé? Wird das Zeitalter individualistischer Lebensentwürfe abgelöst von der Epoche lose vernetzter Referenzsysteme, deren Vorgaben wir uns anpassen? In denen wir Lebenswirklichkeiten wechseln wie die Spielebenen im Computerspiel? Auch Eva Illouz sieht einen Verlust an Individualität.

"Heute sind wir in vielen Aspekten viel weniger individualistisch als es die Menschen vor zwei- oder dreihundert Jahren waren", meint Illouz. "Jeder von uns hat zwar das subjektive Empfinden, sein eigenes Lebensprojekt zu verwirklichen. Und das stimmt auch. Doch unser Leben ist sehr stark reguliert. Wir werden diszipliniert: durch die Zeitabläufe, durch die modernen Technologien, durch die Anforderungen am Arbeitsplatz und in der Schule. Gesetze regulieren unser Privatleben weitaus stärker als noch vor 200 Jahren. Der Gesetzgeber und die Polizei sind allgegenwärtig. Unsere Definition von Individualität ist darum eigentlich verwirrend und ein Paradox."

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