Arno Geiger über Demenz des Vaters

Der alte König in seinem Exil

"Der alte König in seinem Exil" heißt das neue Buch von Arno Geiger, das nächste Woche in die Buchhandlungen kommt. Es ist ein sehr persönliches Buch: Der 42-jährige Vorarlberger erzählt von der Demenzkrankheit seines Vaters.

Mit seinem Roman "Es geht uns gut" war Arno Geiger anno 2005 der erste Träger des Deutschen Buchpreises. Viel Lob war ihm im Vorjahr mit "Alles über Sally" beschieden und ein Erfolg zeichnet sich auch diesmal ab: "Der alte König in seinem Exil" steht bereits auf Platz eins der ORF Bestenliste im Februar.

Orientierung verloren

"Als wäre man aus dem Schlaf gerissen, man weiß nicht, wo man ist, die Dinge kreisen um einen her, Länder, Jahre, Menschen. Man versucht sich zu orientieren, aber es gelingt nicht. Die Dinge kreisen weiter, Tote, Lebende, Erinnerungen, traumartige Halluzinationen, Satzfetzen." So beschreibt Arno Geiger Demenz. Vor mehr als zehn Jahren sind erste Symptome dieser Krankheit bei seinem Vater aufgetreten.

"Mein Vater, das ist so ein freundlicher Mensch, der einem so vieles zu geben hat. Er ist zwar von Wissen und Information befreit - er weiß nicht, welches Jahr wir haben -, aber er hat so eine emotionale Kompetenz. Bei ihm kommt so vieles von Herzen. Man kann sich wirklich ein Beispiel nehmen", erzählt Geiger.

Liebevolle Annäherung an den Vater

"Der alte König in seinem Exil" ist eine einfühlsame und liebevolle Annäherung an den Vater: Arno Geiger berichtet vom gemeinsamen Alltag, er erinnert sich an eigene Kindheitsgeschichten und an die Zeit vor der Krankheit. Immer wieder werden Dialoge zwischen Vater und Sohn eingestreut. Und mit großer Offenheit erzählt Arno Geiger auch, was mit ihm selbst passiert ist.

Dabei verzichtet er darauf, das Erzählte auszuschmücken und mit Bedeutungen auszupolstern und gerade der nüchterne Ton ist es, der überzeugt und berührt - die asketische, subtil-zurückhaltende Erzählweise. Es ist ein Buch über das Leben, sagt Arno Geiger und er betont: es ist kein Abschiedsbuch. "Es ist mit Abstand das Wichtigste, was ich geschrieben habe. Ich hoffe, dass ich meinen Vater noch sehr lange habe."

Demenz als Gegenbewegung

Demenz - das ist so etwas wie eine "Gegenbewegung" zur Wissens- und Informationsgesellschaft: Demenzkranke fordern Zeit ein, sie ignorieren die Zukunft ebenso wie die Gegenwart und vergessen Erlerntes und Erlebtes mitsamt ihrer Umwelt. Bleibt die Frage: Wie viel "Verwirrtheit" können wir ertragen?

"Wir wollen immer das Leben kontrollieren. Vor hundert Jahren war das noch nicht so möglich. Jeder eitrige Zahn war eine Sache auf Leben und Tod. Man konnte keine Pläne für die Pension machen, weil die hat ja kaum jemand erlebt. Heute denken wir, wir haben das unter Kontrolle. Und wir haben das eben nicht unter Kontrolle", betont Geiger.

Krankheit öffnet die Augen

Seinem Buch hat Arno Geiger einen Satz des japanischen Holzschnittkünstlers Hokusai vorangestellt: "Man muss auch das Allgemeinste persönlich darstellen".

"Die Demenz ist so etwas wie ein Katalysator aber auch ein Mittel, wie es die Mediziner einspritzen, damit man auf dem Bild etwas sieht. Tatsächlich öffnet mir die Demenz die Augen für Verlorenes aber auch für Mögliches", so der Autor.

Parallelen zur Bankenkrise

Arno Geiger setzt die Krankheit seines Vaters in Parallele mit der Bankenkrise und ihren Protagonisten: "Dass das offenbar lauter Schwachköpfe sind, das hat niemand vorhergesehen. Denen fällt das alles unterm Hintern entzwei. Dann tun sie noch so, als ob sie unverzichtbar wären, das alles zu reparieren. Mein Vater, der jeden Tag sagt 'Ich kenn mich nicht aus, ich verstehe überhaupt nicht mehr, was rundherum passiert', der ist ja eigentlich klüger, als die, die sich einbilden, sie würden wissen, was um sie herum passiert. Von dem her wird mir das dann durchaus auch zur Metapher für einen Zustand unserer Gesellschaft. Alle machen ein bisschen herum, aber eigentlich versteht niemand mehr die Prozesse."

Service

Arno Geiger, "Der alte König in seinem Exil", Hanser-Verlag

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