Auf den Spuren von Max Frisch

Kunst im Tal

Berzona im Valle Onsernone. Der große Schweizer Schriftsteller Max Frisch, dessen Geburtstag sich am 15. Mai 2011 zum 100. Mal jährt, hat zeitweise hier gelebt. "Berzona. Das Dorf, wenige Kilometer von der Grenze entfernt, hat 82 Einwohner, die italienisch sprechen", stellte der Dichter fest.

Ein stilles Tal im Schweizer Tessin, ein Tal, das die Tourismuswelle noch nicht überspült hat. Vielleicht seiner Ursprünglichkeit und Abgeschiedenheit wegen hat diese imposante karge Berglandschaft immer wieder Künstler und Reisende angelockt.

Romanciers und Revolutionäre, Aussteiger und Asylsuchende. Ernst Toller und Elias Canetti waren hier. Dimitri, der weltberühmte Theater-Clown, und Mario Botta, der Tessiner Stararchitekt, leben heute in Nachbartälern.

Wohnen in der Seifenfabrik

Der Schriftsteller Alfred Andersch und seine Frau, die Malerin Gisela Andersch, siedelten sich in Berzona an, in einer alten Seifenfabrik, die sie in ein Wohnhaus verwandelten. Oder, wie es bis heute hinter vorgehaltener Hand heißt, verschandelten.

"Wir haben uns damit abgefunden, dass wir unter Begriffe wie Ascona, Millionäre und Steuervorteile subsummiert werden", sagt Alfred Andersch. "Manche Leute finden unser Haus zu ordentlich. Tatsächlich ist das Schreiben eines Romans eine derart irre Arbeit, dass ich dabei Ordnung um mich haben muss."

Verborgene Schönheit

20 Kilometer nördlich vom Lago Maggiore, am Schweizer Südrand der Alpen, liegt das langgestreckte Tal: neun Dörfer wie auf einer Perlenkette, die man als Wanderer durchqueren kann. Links und rechts wildes, steiles Gebirge. Eine verborgene Schönheit. Mit Primeln und Kamelien im Frühjahr, Nelken und Almrausch im Sommer. Am Horizont: die grauen Riesen aus Granit und Gneis.

Manches über das Tal und das Dichterdorf Berzona lässt sich in Max Frischs Erzählung "Der Mensch erscheint im Holozän" nachlesen. Darin liefert der Schriftsteller eine präzise Ortsbeschreibung.

Schwärmerischer Golo Mann

Heute wandern manche Touristen mit dem "Holozän" in der Hand durch Berzona. Den Beinamen "Dichterdorf" hat der Ort übrigens nicht von berühmten Autoren erhalten, die hier geboren wurden, sondern von jenen, die sich hier niederließen. Darunter auch Golo Mann, der hier an seinem "Wallenstein" schrieb.

"Wenn ich so bei Mondenschein vor meinem Häuschen stehe und das Feuer des Kamins sehe", schwärmte Golo Mann, "und dann draußen die völlige Ruhe und ein glorreicher Sternenhimmel und der Vollmond, dann ist es manchmal so schön, dass ich es kaum glauben kann. Und dann fühle ich mich sehr wohl."

Künstlerische Handwerker

Franco Varini ist gelernter Dachdecker. Eine Institution, weit über das Tal hinaus bekannt. Die etwa 40 Kilogramm schweren Platten bearbeitet Varini mit verblüffender Leichtigkeit. Auch Schriftsteller Alfred Andersch zeigte sich von den kunstsinnigen einheimischen Handwerkern angetan.

"Die Maurer des Onsernone-Tals sind große Künstler", findet Alfred Andersch. "Außerdem lesen sie die italienischen Ausgaben meiner Bücher und diskutieren mit höchster Sachkenntnis die Bilder meiner Frau. Sie halten uns nicht für verrückt, weil wir schreiben und malen. Das Onsernone-Tal ist kunstfreundlich."


Und seine Tochter, Annette Korolnik ergänzt: "Jeder hat seine eigenen Beziehungen zu den Einheimischen aufgebaut." Annette Korolnik-Andersch, Malerin und Tochter des Schriftsteller Alfred Andersch erinnert sich an das Leben im "Dichterdorf": "Golo hatte eine besondere Stellung, weil, wer Thomas Mann war, hat man bis nach Berzona hinauf gewusst. Er hat immer vom 'Wallenstein' geredet."

Auch Alfred Andersch hatte hier in Berzona seine literarisch produktivste Phase. Er entwarf Hörstücke und legendäre Rundfunksendungen.

"Der Geist der Aufklärung"

Mit dem Tod der großen Schriftsteller ist die Kunst aus dem Valle Onsernone jedoch nicht verschwunden. Steigt man durch die lichten Kastanienwälder bergauf, so kann es sein, dass Flötentöne ans Ohr dringen oder gar fremdartige Gongs und Obertongesänge.

Bernhard Jäger ist Obertonsänger, Musiker und Therapeut. Seit rund dreißig Jahren gibt der Deutschschweizer Kurse für Wissenschaftler, Ärzte und Wellness-Freunde. Und hier, im Valle Onsernone findet er die Kraft und die innere Ruhe für seine Arbeit. "Man spürt immer noch diesen Geist der Aufklärung, der über Jahrhunderte hier gewirkt hat", meint Bernhard Jäger. "Das ist ein Tal, das sehr künstlerisch wirkt, sehr inspirierend. Wir hoffen, dass es nicht vom Tourismus überschwemmt wird, sondern dass die Menschen herkommen, die das suchen. Wir brauchen nicht Menschen, wir brauchen Seelen hier im Tal."

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