Weniger Obduktionen: Mehr Morde unerkannt

In Österreich sinkt die Zahl der Obduktionen und Autopsien von Verstorbenen - mit drastischen Konsequenzen: Selbstmorde werden nicht erkannt und Morde nicht aufgeklärt. Zumindest jeder zweite Mord wird nicht als solcher identifiziert, davon geht die Kriminologin Katharina Beclin aus.

Mittagsjournal 9.9.2011

Bernt Koschuh

Suizidforscher: "Bedenklich"

Vor etwa 20 Jahren ist noch jede dritte Leiche in Österreich obduziert worden, jetzt nur mehr jede sechste. auch der Suizidforscher Gernot Sonneck findet es in mehrfacher Hinsicht bedenklich, dass die Zahl der Obduktionen massiv gesunken ist:

"Wenn der Täter versucht, einen Mord als Suizid darzustellen und dann der Arzt feststellt, ja, das ist ein Suizid, dann wird natürlich niemals bekannt, dass das in Wirklichkeit ein Mord war."

Nur 17 Prozent obduziert

Vor 20 Jahren wurden in Österreich etwa 35 Prozent aller Verstorbenen obduziert, im Vorjahr nur noch 17 Prozent. Meist werden diese Obduktionen im Auftrag der Spitäler durch Pathologen durchgeführt. Nur wenn es Verdacht auf Fremdverschulden gibt, so Sonneck, gibt es gerichtlich angeordnete Obduktionen durch Gerichtsmediziner - konkret bei knapp zwei Prozent aller Verstorbenen.

Auffällige Hinweise übersehen

Dabei ergab laut der Kriminologin Beclin eine deutsche Studie in den 90er Jahren, wie viele Morde durch gerichtsmedizinische Untersuchungen erkannt werden könnten.

"Es wurden etwa 13.000 Fälle untersucht, die an sich schon abgeschlossen waren aufgrund der Todesursachendiagnose durch Mediziner, die nicht konkret eine gerichtsmedizinische Ausbildung hatten. Und von diesen 13.500 waren aber 800 Fälle definitiv, wo teilweise sogar auffällige Hinweise waren, dass ein Mord oder Totschlag dahintersteckt", so Beclin.

Selbst Einschüsse unentdeckt

Und Beclin nennt besonders drastische Einzelbeispiele aus Deutschland: "Es gibt auch Fälle wie einen Einschuss unterm Haaransatz. Das muss gar nicht viel bluten, das wird auch oft nicht entdeckt", sagt die Kriminologin.

"Falscher Spargedanke"

Der Präsident der Gesellschaft für Gerichtsmedizin Walter Rabl bestätigt, dass es beinahe übersehene Mordfälle auch in Österreich in der Praxis gibt. "Irgendein zufälliger Aspekt taucht dann auf, und dann beginnt man zu untersuchen, und letztendlich stellt sich dann heraus: Da haben wir ein Tötungsdelikt", so Rabl.

Zu den Ursachen für den Rückgang bei Obduktionen sagt Rabl: "Ein Teil davon ist wahrscheinlich ein falscher Spargedanke."

Wertvolle Informationen verloren

Einen Rückgang bei Obduktionen gibt es in vielen Staaten, Österreich liege im internationalen Vergleich nocht relativ gut, sagt der Gerichtsmediziner Rabl. Aber der Rückgang habe dramatische Auswirkungen auf das Gesundheitssystem.

Nicht nur, weil mehr Morde unentdeckt bleiben, sondern auch, weil wertvolle Informationen über Erkrankungen und deren Häufigkeit verloren gehen. Reaktionen auf die Kritik waren vorerst nicht zu bekommen - weder von der Sprecherin der Gesundheitslandesräte, der Salzburger Landesrätin Cornelia Schmidjell noch von Gesundheitsminister Alois Stöger. Und auch aus dem Justizministerium gab es heute Vormittag keine Stellungnahme.

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