Gaslieferant Turkmenistan

Es gilt als eines der verschlossensten Länder der Welt: Turkmenistan, dem Heinz Fischer vergangene Woche einen offiziellen Besuch abgestattet hat. Bekannt ist das Land eigentlich nur für die Diktatur und den Personenkult um den inzwischen verstorbenen Präsidenten und für die riesigen Erdgasvorräte.

Mittagsjournal, 17.10.2011

Erster Staatschef aus Westeuropa

Mit militärischen Ehren wird Präsident Heinz Fischer im Präsidentenpalast empfangen, in einer riesigen Halle aus italienischem Marmor, so wie das gesamte pompöse Regierungsviertel in den letzten fünf Jahren aus dem Wüstenboden gestampft. Fischer ist der erste Staatschef aus Westeuropa, der Turkmenistan besucht - zu einem guten Zeitpunkt: Wenige Tage zuvor wurde bekannt, dass in Turkmenistan das zweitgrößte Erdgasfeld der Welt entdeckt wurde. Was die normalen Turkmenen davon halten, erfahren die Besucher nicht. Die Delegation von Präsident Fischer wird vom Land weitgehend abgeschirmt.

Gesprächsthema "Nabucco"

Bei den Fahrten des Konvois wird die Route so weiträumig abgesperrt, dass Aschgabad wie eine menschenleere Stadt wirkt. Zugelassen sind nur Gespräche der begleitenden Unternehmer, vor allem der österreichischen OMV. Die hofft, hier Gas für die geplante Pipeline "Nabucco" kaufen zu können.

Weder Opposition noch Menschenrechte

An der Oberfläche wirkt das neue Aschgabad mit seinen breiten Prachtstraßen, großen Palästen und neuen Wohnvierteln reich und aufgeräumt. Jeder Turkmenischen Autobesitzer bekommt pro Jahr 1.400 Liter Benzin vom Staat geschenkt, Strom, Wasser und Salz sind gratis. Oppositionsparteien gibt es keine, auch keine Menschenrechtsorganisationen: Laut der Organisation "Reporter ohne Grenzen" ist die Lage der Medien nur in Nordkorea und Eritrea noch schlechter als hier. Die Einschätzung von Amnesty International und Human Rights Watch ist ähnlich.

Zarte Reformen

Doch nach dem Tod des ersten Präsidenten Niyasov, auch "Turkmenbashi" oder "Vater der Turkmenen" genannt, hat sein Nachfolger Gurbanguly Berdymuhamedov aber Reformen eingeleitet und die besonders absurden Maßnahmen seines Vorgängers rückgängig gemacht: Die Monate heißen jetzt wieder wie im Rest der Welt und nicht mehr nach Verwandten des Turkmenbashi, Mathematikunterricht an den Schulen ist wieder erlaubt, ebenso Theateraufführungen. Wohl auch deshalb hat sich Präsident Heinz Fischer zu einem Besuch des Landes entschlossen. Wenn Turkmenistan Kontakt zu Europa suche, solle man das nicht zurückweisen, so Fischer.

"Sympathische Terroristen"

Wie weit das Land noch von westlichen Werten entfernt ist, zeigt sich bei der Pressekonferenz der beiden Präsidenten: Als einer der turkmenischen Journalisten die vorgegebene Frage nicht auf Punkt und Beistrich vorliest wie vorgegeben, meint Berdymuhamedov: "Ich habe Ihnen ja gesagt, das sind unsere Terroristen." Fischer ist etwas betreten, bevor er antwortet: "Das sind aber sympathische Terroristen." Der Weg Turkmenistans zu Demokratie und Menschenrechten ist auf jeden Fall noch sehr, sehr weit.