Ausstellung im 21er Haus

Utopie Gesamtkunstwerk

Ein klares Statement für die Zukunft des frisch eröffneten 21er Hauses ist die Ausstellung "Utopie Gesamtkunstwerk", die ab Freitag, 20. Jänner 2012, zu sehen ist, denn die Präsentationsform soll hier in dem neuen Haus für zeitgenössische Kunst integrativer Bestandteil der Ausstellungen werden.

Gesamtkunstwerk - das ist der Versuch, Architektur, Malerei, Musik, Schauspiel, Tanz und Dichtung miteinander zu verschmelzen, eine Idee, wie sie etwa Richard Wagner für die Oper entwickelt hat, Friedrich Kiesler für die Architektur oder Joseph Beuys für die bildende Kunst.

Bereits die Geschichte des 21er Hauses ist stark mit dieser Idee verbunden: Anfang 1980 zeigte der legendäre Kurator Harald Szeemann hier die Schau "Der Hang zum Gesamtkunstwerk". Einige der damals präsentierten Protagonisten wie eben Beuys werden nun jungen Zeitgenoss/innen gegenübergestellt wie Markus Schinwald, Peter Friedl und Constanze Ruhm.

Kulturjournal, 19.01.2012

Zog bei der Eröffnungsausstellung "Schöne Aussichten" Marcus Geigers Intervention mittels riesiger roter Stoffbahnen in und um das im vergangenen November neu eröffnete 21er Haus die Blicke auf sich, so übernimmt diese Funktion bei der zweiten Schau "Utopie Gesamtkunstwerk" Esther Stockers Ausstellungsdisplay. Die gebürtige Südtirolerin hat das offene Raumkonzept mit schwarzen, meist begehbaren Kuben ausgestattet, die sowohl Präsentationsfläche wie eigenständiges Werk darstellen und dabei die vielfältigen künstlerischen Positionen teils etwas in den Hintergrund rücken lassen.

Belvedere-Direktorin Agnes Husslein-Arco betont den langen Findungsprozess für die erste "reguläre" Ausstellung im Haus, die auch "ein wichtiges Statement für die Zukunft des 21er Hauses" darstellt. Auch die Anbindung an das Belvedere und die Geschichte des ehemaligen 20er Hauses sei dabei durch eine rückblickende Thematisierung und Diskussion auf Basis des aktuellen Kunstgeschehens ein Anliegen gewesen. Das Thema "Gesamtkunstwerk" biete dafür einen "vielschichtigen Ausgangspunkt".

Ganzheitliches Kunstkonzept

Mit insgesamt 110 Arbeiten von rund 50 Künstlern, darunter Joseph Beuys, Marcel Broodthaers, Valie Export, Hermann Nitsch, Jonathan Meese, Christoph Schlingensief, Heimo Zobernig und anderen hinterfragen die Kuratoren Bettina Steinbrügge und Harald Krejci die utopische Idee des Gesamtkunstwerks, beleuchten formale und ideelle Entwicklungen seit Mitte des 20. Jahrhunderts und thematisieren die Relevanz eines ganzheitlichen Kunstkonzepts in der heutigen Zeit. Angeknüpft wird dabei auch an Harald Szeemanns Ausstellung "Der Hang zum Gesamtkunstwerk", die 1983 im 20er Haus zu sehen war.

Diese präsentierte aber "eher große Utopien", wie Steinbrügge festhält. Dem real nicht vorhandenen Konstrukt des Gesamtkunstwerks stellt man nun Wunschvorstellungen gegenüber und fokussiert auf "Theatralität, Partizipation und Psyche". Durch Stockers Kuben verfüge man über eine Bühne, "auf der man spielen, Verbindungen herstellen und Kunstgeschichte erleben kann", so die Kuratorin. Die "inhaltliche Auseinandersetzung mittels eines gesellschaftspolitischen Impetus'" wird dabei laut Krejci genauso zum Thema, wie die Auflösung einer ästhetischen Raumidee. "Wir wollen Kunstgeschichte auch ein bisschen nivellieren und damit einen Diskurs öffnen, nicht abschließen."

Facetten, Querverbindungen und Kontexte

Zur direkten Auseinandersetzung lädt etwa Julia Hohenwarters "Catwalk" ein, wobei für den aus verschiedenen, stufenartig angeordneten Blöcken bestehenden Laufsteg ein ausgeprägter Gleichgewichtssinn von Vorteil wäre, droht man doch ständig die Balance zu verlieren. Die Künstlergruppe Superflex fordert in einer vierteiligen Videoinstallation die Besucher zur persönlichen Auseinandersetzung mit der Finanzkrise, während Peter Weibel für sein "gequältes Quadrat" Form und Raum seziert. In den Videostills aus Paul McCarthys "Basement Bunker" gerät eine Farbschlacht zur ironisch aufgeladenen Allegorie auf Politik und Demokratie.

Insgesamt präsentiert sich diese "Utopie" als mannigfaltiges Ausstellungskonzept, das vom Besucher ebenso viel Aufmerksamkeit wie Zeit verlangt, als Belohnung aber sehr unterschiedliche Facetten, Querverbindungen und Kontexte offenbart. Ob man die Frage, was ein Gesamtkunstwerk in der heutigen Zeit bedeuten kann, bis zum 20. Mai beantworten wird, bleibt aber abzuwarten und - wohl ganz im Sinne der Kuratoren - weiter zu diskutieren.

Text: APA, Red., Audio: ORF

Service

"Utopie Gesamtkunstwerk", 20. Jänner bis 20. Mai 2012, 21er Haus,
Ö1 Club-Mitglieder bekommen ermäßigten Eintritt (zehn Prozent).

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