Japans Tage der Reflexion

Mit landesweiten Gedenkfeiern hat Japan am Sonntag der Opfer der Tsunami-Katastrophe von vor einem Jahr gedacht. Die Flutwelle hatte in der Nuklearanlage von Fukushima einen radioaktiven GAU ausgelöst, nach wie vor sind ganze Gebiete unbewohnbar. An vielen Orten stehen die Bewohner vor einem völligen Neubeginn.

Morgenjournal, 12.3.2012

Die Trümmerfelder sind verschwunden

Eine Schweigeminute erinnerte am Sonntag an den gewaltigen Tsunami, der genau vor einem Jahr rund 19.000 Menschen in den Tod gerissen hat und die Ostküste auf einer Länge von hundert Kilometern verwüstet hat. Die hunderttausenden Obdachlosen müssen nicht mehr in Massenquartieren in Schulen oder Sporthallen hausen, sondern konnten mittlerweile in Behelfshäuser umziehen. Die gewaltigen Trümmerfelder sind verschwunden, riesige leere Flächen ziehen sich entlang Japans nordöstlicher Küste.

Super-Gau hat zu langsamen Umdenken geführt

Die Menschen blicken nach vorne, doch geht auch die Angst um. Die Angst, dass der Wiederaufbau zu einer lokalen Angelegenheit verkommen könnte und der Rest der Nation den 11. März 2011 langsam aber sich vergessen könnte. Es sind Tage der Reflexion in Japan. Auch über die Zukunft der Kernkraft wird nachgedacht. Der vom Tsunami ausgelöste Super-GAU in Atomkraftwerk Fukushima hat zu einem langsamen Umdenken geführt.

Nur die Minderheit fordert Atom-Ausstieg

Rund 10.000 Demonstranten sind gestern durch das Stadtzentrum von Tokio gezogen, um gegen Atomkraftwerke zu demonstrieren. Doch sie blieben doch in der Minderheit. Es gibt zwar mittlerweile eine Mehrheit, die gegen den Bau neuer Atomkraftwerke ist. Aber nur eine Minderheit fordert den sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie. Dass die Demonstrationen im Vergleich zu europäischen Ländern recht bescheiden bleiben, ist wenig überraschend. Öffentlich und lautstark die Meinung herauszuschreien hat in Japan keine Tradition. Und so geht eben nur ein kleiner Teil jener Bürger auf die Straße, die die nationale Atompolitik ablehnen.

Atomlobby noch immer sehr mächtig

Japans Regierung hat versprochen, die engen Verflechtungen zwischen der mächtigen Atomlobby und den Technokraten mit engen Verbindungen zur Politik zu durchtrennen. Doch bisher sieht es nicht danach aus, als ob das gelungen wäre. Die Medien berichten kritischer über fragen der Atompolitik. Doch Japans Großkonzerne und damit auch die Atomlobby, haben über das Anzeigengeschäft noch immer einen beträchtlichen Einfluss, vor allem auf die Printmedien. Und so stehen die meisten Atommeiler derzeit zwar still, weil sie Stresstests unterzogen werden. Aber man kann davon ausgehen, dass die Regierung die AKWs möglichst rasch wieder in Betrieb nehmen will.

Enormer Machtkampf hinter den Kulissen

Abseits der Öffentlichkeit finden zwischen Befürwortern und Gegnern von Atomenergie heftige Debatten statt. Laut ORF-Korrespondent Martin Fritz ist die japanische Regierung in dieser Frage gespalten. Doch Japan könne problemlos ohne Atomkraft auskommen, sagt Fritz.

Morgenjournal, 12.3.2012

ORF-Korrespondent Martin Fritz im Morgenjournalgespräch mit Andrea Maiwald.