Schlechte Wohnung - Kinder weg

Armut und schlechte Wohnverhältnisse sind in Österreich immer wieder ein Grund dafür, dass Eltern ihre Kinder weggenommen werden. Psychologinnen fordern mehr Not-Wohnungen. Im neuen Kinderhilfegesetz wäre das auch vorgesehen, doch das Gesetz ist bisher am Streit um die Finanzierung gescheitert.

Morgenjournal, 30.4.2012

Dramatische Kindeswegnahme

Die bevorstehende Delogierung war im Fall einer Familie aus dem Bezirk Eferding für das Jugendamt der Anlass einzuschreiten. Der Vater von zwei Buben - damals fünf und knapp vier Jahre alt - erzählt über das wohl für alle Beteiligten dramatische Erlebnis: "Es waren vier Polizisten, die haben uns zurückgehalten, und die zwei Damen vom Jugendamt haben die Kinder ohne Jacken, ohne Schuhe einfach in ein Auto verfrachtet und sind abgehaut."

Widersprüchliche Bilder

Das war 2007. Das Jugendamt hat damals die noch aktuelle Wohnung im Bezirk Eferding und ein Haus in Niederösterreich, wo die Eltern hinziehen wollten, inakzeptabel gefunden, sagt die Mutter: "Wir haben leider einen Schimmelbefall gehabt und zu hohe Schulden. Da ist nur ein Elternteil arbeiten gegangen." Das Jugendamt argumentiert allerdings auch, die Kinder hätten Hunger gelitten, ihre Entwicklung sei gestört und gefährdet gewesen. Und wie oft solchen Fällen: Die Eltern seien nicht kooperativ gewesen, hätten sich gegen das Einschreiten des Jugendamts und gegen einen Kindergartenbesuch gewehrt.

Aber ein äußerst positives Bild von den Eltern zeichnet im Vorjahr ein Gerichtsgutachten der Psychologin Rotraut Erhard: Da heißt es, die Eltern seien erziehungsfähig, einfühlsam und wertschätzend gegenüber ihren Buben. Die Kinder seien durch die Kindeswegnahme traumatisiert und frustriert, weil ihr Wunsch, bei den Eltern zu wohnen nicht erfüllt wird.

Ein Teufelskreis

Seit fünf Jahren kämpfen die Eltern gegen Jugendamt und Gericht um ihre Kinder. Zwar wohnt die ganze Familie jetzt in Niederösterreich im Tullnerfeld - allerdings getrennt - die Buben in einer Wohngemeinschaft. Die Eltern durften sie monatelang nicht sehen und jetzt nur zwei Wochenenden pro Monat. Das sei kein Einzelfall, sagt die Psychologin und Sachverständige Marion Waldenmair. "In meiner Wahrnehmung ist es ein Teufelskreis. Eltern die ihre Kinder verlieren, müssen eventuell für diese Unterbringung auch noch zahlen. Die Eltern haben nicht mehr die Kinderbeihilfe, sie bekommen keine Wohnbeihilfe und sie bekommen zu kleine Wohnungen zugewiesen, weil sie dann ja nur mehr alleine oder zu zweit sind und nicht mit Kindern leben."

"Gezielte Unterstützung geben"

Und Psychologenverbandspräsidentin Ulla Konrad sieht einen Mangel an speziellen Notquartieren für Familien. Ein Heimplatz kostet samt Betreuung gut 3.000 Euro pro Kind und Monat. Wohnungen für Familien kämen den Staat viel billiger, sagt Konrad und fügt hinzu: "Die Kindesabnahme ist ein sehr starker Eingriff in das Leben eines Kindes und eine Entscheidung, die lebensentscheidend sein kann. Und wenn es darum geht, dass jemand seine Wohnung aus welchen Gründen auch immer nicht halten kann, sollte es möglich sein, dass man hier gezielte Unterstützung gibt, damit das Kind bei seinen Eltern bleiben kann." Die Eferdinger Jugendamtsleiterin Sylvia Mayr sagt, vereinzelt gebe es solche Wohnungen - aber über mehr würde sich auch das Jugendamt freuen.