Das Buch der verbotenen Bücher

Zugegeben, es klingt nicht sehr originell, hier und heute von der Grenzenlosigkeit der Gedanken zu sprechen und davon, dass keine politische Macht die Freiheit des Wortes einzuschränken vermag. So etwas sagen nur mehr Bundespräsidenten an Gedenktagen.

Und dennoch ist es erstaunlich, dass sich trotz Einschränkungsmaßnahmen wie Zensur, Verhinderung, Verbot und Vernichtung, die die kulturelle Produktion von der Antike bis in die Gegenwart begleitet haben, der größte Teil dieser Produktion überliefert ist. Nicht nur das: Was wir nämlich als Fundament unserer Kultur begreifen, sind Werke, die sich langfristig gegen Verbote durchgesetzt haben. Es ist in der Tat so, dass ein Buch nicht verschwindet, wenn man es ins Feuer wirft.

Geschichte in Geschichten

Werner Fulds "Buch der verbotenen Bücher" wäre, wenn der Autor den Anspruch eines Historikers gehabt hätte, erstens sehr umfangreich, zweitens vermutlich redundant und drittens nicht gar so spannend geworden, denn Verbote oder Einschränkungen waren Verwaltungsakte. Zuwiderhandeln wurde zwar bestraft, doch selten so drakonisch, dass es, wie im Fall der nationalsozialistischen Herrschaft, zu einer massenhaften physischen Vernichtung von Büchern und Autoren gekommen wäre.

Zwar nennt Fuld sein Buch im Untertitel "Universalgeschichte", was einigen Ehrgeiz verrät, meint das doch die Darstellung der inneren Struktur der Menschheit und, seit der Aufklärung jedenfalls, deren Veränderung im Sinne eines vernunftgeleiteten Fortschritts. Doch Fuld ist nicht Kant, Schiller oder Hegel, sondern ein begabter Feuilletonist, der zwar darzustellen vermag, wie der Gestaltungs- und Veränderungswillen einer Gesellschaft oder, wenn man so möchte, der Menschheit, durch legistische Grenzziehungen nicht aufzuhalten ist, der andererseits aber auch weiß, dass sich Geschichte in Geschichten darstellen lässt. In Bruchstücken eines großen Ganzen also, die, geschickt kombiniert, dieses Große im Kleinen abbilden.

Die Selbstzensur

Konsequenterweise beginnt Fuld bei der kleinsten Einheit der Menschheit: dem Individuum. Die individuellste Art, die Welt von bereits Geschriebenem zu verschonen, ist die Selbstzensur. Aber auch die greift nicht immer. Franz Kafka, der nach seinem Tod alles, was noch nicht publiziert war, also den größten Teil seines Werks, vernichtet haben wollte, wurde durch den Eigensinn seines Nachlassverwalters Max Brod zu einem der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Margaret Mitchell hingegen hat es zu Lebzeiten noch zuwege gebracht hat, als Autorin eines einzigen Romans, nämlich "Vom Winde verweht", zu gelten, obwohl sie zuvor eine Reihe anderer Bücher geschrieben hatte.

Schön ist auch die Geschichte des englischen Dichters Dante Gabriel Rosetti, der sein unveröffentlichtes lyrisches Werk mit der toten Ehefrau begraben hat. Als er dann berühmt wurde, tat es ihm doch leid um die Manuskripte, weshalb er den Sarg wieder ausgraben ließ, um an die Texte zu kommen.

Existenzbedrohende Zensur

Existenziell bedrohlich wird die Situation in den Fällen struktureller Behinderung, also von Zensur und Verboten. Insofern war Schreiben und Publizieren bis Mitte des 20. Jahrhunderts tendenziell existenzbedrohend, immer abhängig von den politischen Verhältnissen, von Machtdiskursen, von Stimmungen. Die Behinderungen waren nachhaltig: Metternichs Zensurpolitik in Österreich, die die Geistlosigkeit zum Prinzip erhob, war fatal für die Verfasstheit einer ganzen Gesellschaft. Österreich musste sich noch lange nach Metternich daran abarbeiten.

Es war aber nicht immer die Politik, die auf die literarische Produktion einwirkte, es waren oft genug ungeschriebene Gesetze, die Autoren kriminalisierten und Verbote durchsetzten. Wenn es um die Moral ging, ist die Liste der verbotenen Bücher im 20. Jahrhundert lang - mindestens so lang wie jene mit den Büchern, die den Glauben verletzen und jene mit den Büchern, die kommunistisches Gedankengut befördern. Oder was sagt man dazu:

Werner Fulds Universalgeschichte des Verfolgten und Verfemten ist eine Katastrophengeschichte - man denke nur an die Rassen- und Kulturpolitik der Nationalsozialisten, an Stalins Kahlschlag in der sowjetischen Intelligenzija oder an Maos opferreiche Kulturrevolution, die aber nie in der Katastrophe zu ihrem Ende kommt. Eine Jahrtausende währende Tradition des Verbietens und Vernichtens hat unzählige Individuen zerstört, den Büchern konnte sie letztlich nichts anhaben.

Service

Werner Fuld, "Das Buch der verbotenen Bücher. Universalgeschichte des Verfolgten und Verfemten von der Antike bis heute", Galiani Verlag

Galiani - Das Buch der verbotenen Bücher