Die Donau

Dunav, Duna, Dunarea, Dunaj: Die Namen der Donau leiten sich vom Flussgott der Römer Danuvius ab. Dessen ältere keltische, oder möglicherweise iranische Ursprünge sind unklar - die Bedeutung ist jedenfalls etwas wie "Fluss" oder "Wasser".

Eine andere antike Bezeichnung des 2.857 Kilometer langen Stromes zwischen Schwarzwald und Schwarzem Meer lautete "Istros". Weil die Donau vom Westen gegen Osten verläuft titulierte sie Herodot als "Sonnentrotzer".

Der deutsche Historiker und Balkanspezialist Michael Weithmann charakterisiert den Fluss, der heute zehn Staaten - Deutschland, Österreich, die Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Rumänien, Bulgarien, Moldawien und die Ukraine durchfließt kurz und bündig: "Die Donau ist der europäische Fluss par excellence." Nur die Wolga ist mit 3.530 Kilometern länger, aber die ist auch von viel Steppe umgeben, während an der Donau im Lauf der Geschichte 40 verschiedene Nationalitäten Platz fanden und finden.

Geografie und Geschichte, Wirtschaft und Politik

Michael Weithmann hat mit seinem Buch – nach dem zügigen, aber eher nur kulturgeschichtlichen Klassiker von Claudio Magris – ein Standardwerk für einige Generationen vorgelegt: In 20 klar und gut lesbar geschriebenen Kapiteln werden Geografie und Geschichte, Wirtschaft und Politik samt Ökologie der Donau sachlich und knapp umrissen. Das Ganze lässt sich gleichermaßen als Reiseführer wie als Nachschlagewerk benutzen.

Geht es um den ominösen Ursprung des Flusses im Schwarzwald, ist Weithmann nicht verlegen, quasi volkstümliche Sprüche wie "Brigach und Breg bringen die Donau zuweg" zu zitieren, er kennt aber auch die geologischen Gründe, wie und warum zum Beispiel die Donau bei Tuttlingen fast versiegt, warum sie erst ab Ulm schiffbar ist, welche Veränderungen die große Regulierung des Stromes in den 1860er Jahren bewirkte. Oder: "Hydrographisch gehört Österreich zu 95% dem Entwässerungsgebiet der Donau an."

Weithmann manövriert umsichtig durch Zahlen, Daten und Fakten: Durch den gefährlichen Greiner Strudel im Oberlauf, durch die Porta Hungarica mit ihren zahlreichen Stromspaltungen und Zwischenstromgebieten, wo die Donau einst bis zu 30 Kilometer Breite erreichte. Seit 1972 ist sie ab der dritten Donaumetropole Belgrad zu einem See aufgestaut. Die Zuflüsse Drau, Save und Theiß verdoppeln am Eisernen Tor das Volumen der Donau. Dort verschlechterte sich auch die Wasserqualität radikal.

In der Dobrudscha spaltet sich der Fluss in drei Arme und zum 5.700 Quadratkilometer großen Mündungsdelta auf, das sich pro Jahr um 40/50 Meter weiter ins Schwarze Meer hinausschiebt. Die Donau lagert dort jedes Jahr 70 Millionen Tonnen Schlick ab. Was man im Geografie-Unterricht nie gehört und gelernt hat, liest sich hier wie ein spannender erdkundlicher Roman! Michael Weithmanns eigentliche Fragen an die Donau aber lauten so:

Schon der kuriose Umstand, dass die 2.857 Kilometer der Donau von der Flussmündung her berechnet werden, verdankt sich einem derartigen Ereignis: Die erste Vermessung durch den Briten Sir Charles Hartley fand im Anschluss an den Krimkrieg statt, der Europas Gleichgewicht der Kräfte nachhaltig durcheinandergebracht hatte. Eine internationale "Donaukommission" sollte wieder Ordnung schaffen.

Anekdoten und Bonmots

Der für Herodot "größte Fluss des Erdkreises" wurde für Römer zum Limes gegen die "Barbaren", vollständig kontrollierten sie den Donauraum nicht. Nach Rom trat Ostrom-Byzanz auf den Plan, das Osmanische Reich wurde an der Donau für Jahrhunderte zum Gegenspieler der Habsburger auf dem Balkan, gefolgt vom "russisch-orthodoxen Zarenreich".

Weithmann erzählt in großen Bögen von der Landnahme der Ungarn, der "Wissenschaft von der Donau" des Grafen Marsigli, den "Donauschüben" der Habsburger, von Katherina der Großen und Joseph II., von Russlands "Drang nach Westen" (nach Konstantinopel), aber auch von den marginalen Momenten der großen Geschichte wie der Flucht der altgläubigen Lippowaner ins Donaudelta.

Großraumdenken

Der vielstimmige Chor, der im Lauf der Geschichte oft genug durch Misstöne und Kriegsgeschrei unterbrochen wurde, wird im 19. Jahrhundert im großen Stil uniformiert. Damit sind nicht die Fahrpläne der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft angesprochen, sondern das Großraumdenken eines Friedrich Ratzel (1844-1904), der als Begründer der politischen Geografie den Donauraum als "naturgegebenen Lebens- und wirtschaftlichen Ergänzungsraum" eines Großdeutschen Reiches definiert. Inklusive Österreich-Ungarn.

Bis zu Hitler, der die Donau als "den deutschen Fluss" bezeichnet, ist es da nicht mehr weit. Wiener Juden fliehen über die "braune Donau" aus dem Nazireich (Stichwort Kladovo-Transport), über die Donau werden die sogenannten "Volksdeutschen" aus der Dobrutscha "heim ins Reich" geholt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg liegen Washington und Moskau an der Donau, die teilweise zum Eisernen Vorhang mutiert. Entsprechend Stalin Fünfjahrespläne wird mit der Errichtung einer "roten Donau" begonnen.

Hegemoniewechsel

Weithmann beschließt seine "Geschichte eines europäischen Flusses" mit dem Hegemoniewechsel über den Donauraum zu EU und NATO, also nach Brüssel, den wir seit 1989 erleben.

Der Aufgabenkatalog, der 2010 beschlossenen "Strategie für den Donauraum" reicht über die Mitgliedsländer der Donauanrainer und der EU hinaus und beschränkt sich auch nicht nur auf schöne Bilder "naturbelassener" Donauauen. Das "ökologische Rückgrat Europas" wie der bayrische Naturschutzbund die Donau einmal bezeichnet hat, ist nämlich vor allem eines: Geschichte! Wer von der Donau spricht, sollte Michael Weithmann lesen! Bekanntlich wurde auch der Donauwalzer nicht nur fürs Neujahrskonzert geschrieben.

Service

Michael W. Weithmann, "Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses", Verlag Friedrich Pustet

Pustet - Die Donau