"Der Kalte": Schindel über die Waldheimjahre

20 Jahre nach Erscheinen von Robert Schindels Erstlingsroman "Gebürtig" liegt nun der als zweiter Teil einer geplanten Trilogie präsentierte Roman "Der Kalte" vor. Auf über 640 Seiten zeichnet Schindel eine Art Sittenbild der Jahre 1985 bis 89, die von der sogenannten "Waldheimaffäre" gezeichnet waren.

Morgenjournal, 14.2.2013

Dies war die erste große Auseinandersetzung der Österreicher mit der NS-Zeit, ausgelöst durch die Erinnerungslücken des ehemaligen UNO-Generalsekretärs und späteren Bundespräsidenten Kurt Waldheim diese Jahre betreffend. Bis dahin hatte sich der Mythos Österreich als erstes Opfer Hitler-Deutschlands hartnäckig gehalten. Und Waldheim stand stellvertretend für die vielen opportunistischen Mitläufer hierzulande.

Geflecht aus Beziehungen

Die zentrale Figur des Romans ist der Kommunist und ehemalige KZ-Häftling Edmund Fraul, der Auschwitz nicht vergessen kann und immer wieder von Albträumen und Gespenstern geplagt wird. Um ihn herum rankt sich ein buntes Puzzle von Ereignissen und Figuren, die man unschwer - trotz geänderter Namen - als Hauptakteure jener Zeit entschlüsseln kann. Dazu kommen auch gänzlich fiktive Figuren.

Schindel beschreibt detailverliebt einen Mikrokosmos mit einem Geflecht aus Beziehungen, kleinen und großen Dramen, Rivalitäten, Intrigen und Amouren, in realen Schauplätzen-Straßen, Plätzen, Kaffee- oder Wirtshäusern bis in die Kulissen der Macht.

Die Akteure sind unbekannte, oder damals namhafte Autoren, Theaterleute, Journalisten, Politiker, Künstler, Nazis, Nazijäger oder ehemalige KZ-Häftlinge. Und so werden die markanten Ereignisse dieser Zeit - die Waldheim-Affäre, der Streit um das Antifaschismus-Denkmal am Albertinaplatz und die Polemiken um Peymans Burgtheater-Direktion - mit dem Heldenplatz-Skandal wieder lebendig.

Etwas verwirrend für den Leser, zumindest auf den ersten 100 Seiten, ist Robert Schindels Technik, den Standpunkt des Erzählers immer wieder zu variieren, zumal sich da auch die Roman-Figuren mit ihren Namen erst langsam entwickeln. Robert Schindels Roman "Der Kalte" erscheint am 18. Februar im Suhrkamp-Verlag.

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