Der Preis der Freiheit

Die besten Hörspiele des Jahres 2012 haben ein gemeinsames Thema: Sie handeln vom Streben nach Freiheit. Dennoch könnten die preisgekrönten Stücke unterschiedlicher nicht sein.

Zum "Hörspiel des Jahres 2012" wählte das Ö1 Publikum eine Dramatisierung von Brigitte Schwaigers Erfolgsroman "Wie kommt das Salz ins Meer", der "Hörspielpreis der Kritik" ging an Christian Winklers Porträt eines Einbrecherkönigs.

Bei der Freitagnacht zu Ende gegangenen "Ö1 Hörspiel-Gala" im ORF-RadioKulturhaus in Wien feierte das Publikum einen tragischen Star der zeitgenössischen österreichischen Literatur. Das Ö1 Publikum hatte aus den zwanzig Neuproduktionen des Jahres 2012 die Hörspielversion von Brigitte Schwaigers Erfolgsroman "Wie kommt das Salz ins Meer" zum "Hörspiel des Jahres" gewählt. In ihrem 1977 erschienen Debut erzählt Brigitte Schwaiger die Geschichte einer jungen Frau, die aus der Beengtheit ihres Elternhauses früh in die Unfreiheit einer Ehe flüchtet. Auch der Ausweg in eine Affäre erweist sich als Sackgasse. Es folgen eine Abtreibung, Depressionen und schließlich die Scheidung. Eine Abfolge von Dramen und Schicksalsschlägen, von denen auch die Autorin selbst nicht verschont geblieben ist. Zunächst als literarisches Wunderkind gefeiert landete sie später, von Depressionen und Selbstmordabsichten gequält, in der Psychiatrie. Im Juli 2010 wurde Brigitte Schwaiger tot in einem Nebenarm der Donau aufgefunden.

Brigitte Schwaiger

Brigitte Schwaiger

(c) MARK, APA

Bearbeitung von Brigitte Schwaigers Roman zum "Hörspiel des Jahres" gewählt

Die junge österreichische Autorin, Regisseurin und Hörspielmacherin Elisabeth Putz hat - mit der Berliner Schauspielerin Valery Tscheplanowa in der Hauptrolle - Brigitte Schwaigers düsteren Bestseller für das Radio bearbeitet und auf seine Aktualität hin überprüft. Eine Untersuchung die zeigt, dass die Thematik keineswegs in ihre Entstehungszeit zurückverwiesen werden kann. Mehr als drei Jahrzehnte nach Erscheinen des Romans entfalten die Mechanismen von Selbstverleugnung, Repression und Unterdrückung nach wie vor ihre unheilvolle Macht.

Das Stück wird Samstag, 2. März, ab 14 Uhr in der Hörspiel-Galerie auf Ö1 wiederholt. Die Plätze zwei und drei bei der zum insgesamt 20. Mal veranstalteten Publikumswahl gingen ebenfalls an Klassiker der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Auf den zweiten Platz wählte das Ö1 Publikum "Die Kapuzinergruft" - eine zweiteilige Hörspielfassung von Joseph Roths Abgesang auf die Habsburger-Monarchie, bearbeitet von Helmut Peschina, Regie: Harald Krewer. Platz drei schließlich ging an eine Koproduktion zwischen dem Theater am Rabenhof und dem ORF. Die Dramatisierung von Christine Nöstlingers sozialkritischer Gedichtsammlung "Iba de gaunz oamen Leit" in der Regie von Anatole Sternberg vermag offenbar bis heute sowohl Leser wie auch Hörer zu begeistern.

Christian Winkler

Christian Winkler

(c) privat

"Hörspielpreis der Kritik" an Christian Winkler

Zum sechsten Mal wurde im Rahmen der "Ö1 Hörspiel-Gala" der "Hörspielpreis der Kritik" vergeben. Literatur- und Kulturkritiker/innen der "Salzburger Nachrichten", der "Presse", des "Standard", des "Kurier" und des "Falter" vergeben den Preis für das, ihrer Ansicht nach, "künstlerisch anspruchsvollste und ansprechendste" Hörspiel des Jahres 2012. Die Wahl fiel, mit deutlicher Mehrheit, auf Christian Winklers Einbrecherdrama "Räuberzelle". Mehr als die Hälfte seines Lebens verbrachte Karl Haiberger hinter Gittern. Als er mit zweiundfünfzig Jahren aufgrund eines Gehirntumors frühzeitig aus einer langjährigen Haftstrafe entlassen wurde, entschloss er sich, seine Geschichte aufzuschreiben. Die Ärzte gaben ihm dafür noch ein Jahr an Lebenszeit. Durch einen Zufall kontaktiert er den österreichischen Autor und Dramatiker Christian Winkler, der aus seiner Lebensgeschichte Literatur machen soll. Aus unzähligen Interviews entstehen mehrere hundert Seiten Text, die der Autor schließlich zu einem Hörspiel verdichtet. In der Regie von Peter Kaizar verleiht Wolfram Berger dem philosophierenden Kriminellen schluckend und hustend so viel Authentizität wie möglich, an der Gitarre begleitet wird er dabei von Karl Ritter.

Joachim Bißmeier ist "Schauspieler des Jahres"

Seit 1997 wählt eine Fachjury aus ORF-Hörspielregisseurinnen und –regisseuren gemeinsam mit der Redaktion die Schauspielerin oder den Schauspieler des Jahres. Ausgezeichnet und geehrt wurde diesmal einer, der dem Hörspiel seit gut 40 Jahren die Treue hält: Joachim Bißmeier. Er sei "eine nie in den Vordergrund drängende, präzise Stimme. Ein Schauspieler, der als Person stets zurückhaltend bleibt, sich für jede Rolle neu erfindet und so - selbst nach Jahrzehnten - unverbraucht bleibt", heißt es in der Begründung der Jury. Insgesamt hat der 1936 in Bonn geborene Schauspieler, der als Ensemblemitglied fast drei Jahrzehnte lang dem Wiener Burgtheater angehörte, in 69 vom ORF produzierten Hörspielen mitgewirkt. Damit ist Bißmeier, in Österreich uumindest, "Rekordhalter". Zuletzt war Bißmeier gemeinsam mit Gert Voss in einer Hörspielversion von Alfred J. Nolls Österreichparabel "Kannitz" als steinalter ehemaliger Präsident des österreichischen Verwaltungsgerichtshof zu hören. Zu den bisher Ausgezeichneten zählen u.a. Rudolf Wessely, Michou Friesz, Martin Schwab, Bibiana Zeller, Peter Simonischek, Peter Matic, Andrea Clausen, Erwin Steinhauer, Chris Pichler, Elisabeth Orth oder Cornelius Obonya.